Jüdische Geschichte sichtbar machen

21. Jänner 2014, 20:49
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Christoph Lind verfolgt die Spuren von Jüdinnen und Juden in Niederösterreich

Die Nazis wollten die Erinnerung an sämtliche Juden auslöschen. Dass dieser Plan nicht aufgeht, ist für Christoph Lind eine große Motivation für seine tägliche Arbeit. Seit mehr als einer Dekade beschäftigt sich der freiberufliche Zeithistoriker mit der Geschichte der Juden in Niederösterreich. Für seine Dokumentation Kleine jüdische Kolonien, die sich mit der Zeit von 1782 - dem Jahr des Toleranzpatents von Joseph II - bis zum Kriegsausbruch 1914 beschäftigt, wurde er mit dem Niederösterreichischen Wissenschaftspreis 2013 ausgezeichnet.

Seine Forschungsarbeiten zu Migration, Integration und Regionalgeschichte finanziert er seit vielen Jahren aus Drittmitteln. 2008 gründete er mit anderen Kollegen das Institut für historische Intervention, kurz IHI - "um das Gewicht der Geschichte in Alltagsräume zu heben", wie er sagt.

Der alte jüdische Friedhof in St. Pölten (angelegt 1859) ist für ihn ein Ort verschütteter Erinnerung. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik hat das Gelände bis in drei Meter Tiefe geoinspiziert. Das IHI hat die Namen der Verstorbenen, die Lage ihrer Gräber und der Wege rekonstruiert. Um die Vergangenheit sichtbar zu machen, braucht es jetzt nur noch eine Einigung über die Pflege des Areals zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der Stadt St. Pölten.

Christoph Lind studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Uni Wien und promovierte 2001 am Institut für Zeitgeschichte. Schon in seiner Diplomarbeit befasste er sich mit Juden in seiner Heimatgemeinde St. Pölten.

Rückblickend war es vielleicht kein Zufall, dass er 1987 für ein Weihnachtskonzert der Schule zum ersten Mal in der ehemaligen Synagoge stand. Ein Jahr später wurde in dem Jugendstilbau das Institut für Jüdische Geschichte Österreichs untergebracht, dem Lind als freier Mitarbeiter verbunden ist - eine Seltenheit, weil viele der 1945 restituierten Synagogen verkauft und abgerissen und Grundstücke neu bebaut wurden.

Für seine Dissertation erweiterte der 40-Jährige seinen Fokus auf das Umland von St. Pölten und hat bis heute 15 jüdische Gemeinden dokumentiert. Eine Fundgrube mit dichter Quellenlage sind für den Historiker die Regionalteile der Wiener jüdischen Zeitungen.

Darin wurde etwa vermerkt, dass zur Beerdigung eines jüdischen Kollegen die Blasmusik der Freiwilligen Feuerwehr ein letztes Mal aufgespielt hatte. Juden und Jüdinnen waren intensiv in das niederösterreichische Gemeindeleben integriert. Parallel zur sozialen Realität - nur eine Seite weiter - vergiftete antisemitische Propaganda das Klima.

Aus jedem seiner Projekte ergeben sich Fragen für das nächste. So führte die Aufarbeitung des Nachlasses von Hermann Leopoldi, einem Wiener Volkssänger jüdischer Herkunft, zur aktuellen Beschäftigung mit den Verwertungsgesellschaften AKM (gegründet 1897) und der Austro Mechana (etabliert 1936) im Wandel von "Arisierung" und Neugründung. Beim Durchforsten der Korrespondenz fiel ihm ein "Judenspiegel" in die Hände, ein Mitgliederverzeichnis, in dem sämtliche jüdischen Tantiemenbezieher handschriftlich rot durchgestrichen wurden. Viele klingende Namen, deren Spuren Lind nun weiterverfolgt. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 22.1.2014)


Christoph Lind: "Kleine jüdische Kolonien", Mandelbaum-Verlag 2013

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  • Historiker Christoph Lind deckt dunkle Kapitel auf.
    foto: h. partaj

    Historiker Christoph Lind deckt dunkle Kapitel auf.

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