Rillenzähler versus Berufsverbrecher

21. Jänner 2014, 20:36
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Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Polizeiarbeit durch Fotografie und Fingerabdruck revolutioniert - Die Geschichte der Biometrie ist auch eine des Data-Minings - und der Mythen

Jeder Fingerabdruck ist einzigartig. Diese Annahme prägt seit mehr als 100 Jahren die Kriminalistik. Und doch passieren immer wieder Ungereimtheiten. So wie im Fall des US-amerikanischen Anwalts und ehemaligen Armeeangehörigen Brandon Mayfield. Er wurde 2004 festgenommen, weil seine Fingerabdrücke in Verbindung mit den Bombenanschlägen auf Züge in Madrid identifiziert wurden. Ein Fehler, wie sich herausstellte: Mayfields Fingerabdruck war dem eines der wahren Attentäter zum Verwechseln ähnlich.

Es war bei weitem nicht der erste Irrtum in der Geschichte der biometrischen Verfahren. Deren Wurzeln ist der Historiker Daniel Meßner auf der Spur, derzeit als Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften IFK in Wien. "Es gibt keine wissenschaftliche Forschungstradition auf dem Gebiet der Biometrie", sagt Meßner. "Was man darüber weiß, beruht hauptsächlich auf Polizeipraktiken." In seiner Arbeit, die er am Montag bei einem Vortrag am IFK vorstellte, geht Meßner diesen Praktiken auf den Grund.

Ursprung der Verbrecherfotos

Straftäter und Verdächtige eindeutig und exakt zu identifizieren - das ist von jeher das Versprechen der Biometrie. Personen können allein aufgrund individueller körperlicher Merkmale dingfest gemacht werden, so das nach wie vor gültige Credo. Heute sind es der "genetische Fingerabdruck", also die DNA-Analyse, und Technologien wie Iris-Scan und "intelligente" Videoüberwachung samt Gesichtserkennung, die implizieren, dass Menschen unfehlbar identifiziert werden können.

Begonnen hat die Geschichte der biometrischen Erkennungsverfahren um 1870, als die Polizei sich mit technischen Hilfsmitteln, wie dem Fotoapparat, zur Verbrecherjagd rüstete. "Überall in Europa, aber auch in Nord- und Südamerika, entstanden kriminalpolizeiliche Abteilungen, die sich auf die Wiedererkennung von Personen spezialisierten - die Erkennungsdienste", erläutert Meßner. Mit dem Aufbau von polizeilichen Fotoateliers wurde auch ein System notwendig, um die gesammelten Identitäten zu klassifizieren und zu archivieren.

Alphonse Bertillon, Leiter des Pariser Erkennungsdienstes, entwarf ein Ablagesystem, das auf der sogenannten Anthropometrie beruhte, der Vermessung von Körpermaßen wie etwa Kopf-, Fuß- oder Ohrlänge. Zusätzlich führte er die charakteristischen Verbrecherfotos ein - eine Kombi aus Frontal- und Profilbild -, um eine Standardisierung zu erreichen. Das äußerst komplexe Ordnungssystem, auch Bertillonage genannt, machte erstmals große Sammlungen von Verbrecherkarteien zugänglich - und stellte somit einen ersten Versuch von Data-Mining dar. 1897 wurde die Anthropometrie im Deutschen Reich und in der Habsburgermonarchie offiziell eingeführt.

Wenig später, um die Jahrhundertwende, setzte sich der nächste Technologiesprung in den Polizeistationen durch: Die Daktyloskopie setzte auf den Abgleich der Fingerabdrücke und erleichterte die Klassifizierung erheblich. Anhand bestimmter Merkmale der Papillarlinien auf der Fingerkuppe wurden Formeln entwickelt, die zum richtigen Fach führten, in dem sich das jeweilige Datenblatt befand. "Die Beamten, die die Formeln erstellten, wurden Rillenzähler genannt", sagt Meßner. "Es war eine sehr mühsame Arbeit."

Die Stärken der Daktyloskopie zeigten sich unter anderem bei der Aufklärung des Raubes der Mona Lisa aus dem Louvre 1911. Der Täter, der bereits polizeilich bekannte italienische Kunstdieb Vincenzo Peruggia, hatte zwar seine Fingerabdrücke am Tatort hinterlassen, weil die Karteikästen aber noch nach Körpermaßen sortiert waren, konnte er erst zwei Jahre später überführt werden.

Die Notwendigkeit, Fingerabdrücke nicht nur landesweit, sondern auch international zu vergleichen, führte zu einem regen Austausch der Behörden, schildert Meßner. In seiner Studie vergleicht er die österreichische Kriminalistik mit den Praktiken in Berlin, Hamburg, Dresden und München. "Die Biometrie diente der Kriminalpolizei als Argument, um ihre Macht auszudehnen."

Feindbild-Suche

Außerdem wurden damit bürgerliche Sicherheitsvorstellungen bedient, wie Meßner ausführt: "Zur Legitimierung der biometrischen Identifizierungstechniken wurde das Feindbild des sogenannten Berufsverbrechers geschaffen - ein mobiler Täter, der aus der anonymen Massengesellschaft der boomenden Städte hervorgeht und eine Bedrohung für die Bevölkerung darstellt."

Vorschläge, prophylaktisch die Fingerabdrücke der Gesamtbevölkerung zu registrieren, verliefen regelmäßig im Sand - zu groß wäre der Widerstand gewesen, meint Meßner. "Die Fingerabdrücke im elektronischen Reisepass werden nur im Chip gespeichert. Die Behörden müssen die Daten wieder löschen", betont er. Zentral gespeichert werden allerdings die Fingerabdrücke von Straftätern - und auch jene von Asylsuchenden ab 14 Jahren, die in einer eigenen Datenbank landen.

Überwachungsvisionen

Die um 1900 entstandene Vision, dass mithilfe von neuen Technologien Kriminalität in den Griff bekommen werden kann, bietet heute noch Stoff für Überwachungsfantasien. "Zugleich wird die Biometrie immer mehr vom kriminologischen Kontext in Alltagsbereiche übertragen", sagt Meßner. Mittels Fingerabdruck lassen sich heute Türen und Smartphones öffnen - wobei er einmal als Passwort und ein anderes Mal als Identitätsmerkmal dient. Dadurch sind die digitalen Spuren, die man hinterlässt, immer leichter verfolgbar. Was noch möglich wäre, malt sich längst die Sciencefiction aus, wie etwa in Philip K. Dicks Minority Report, wo jeder Passant per Iris-Erkennung identifizierbar ist.

Gestützt wird der Biometrie-Trend vom Mythos der absoluten Vertrauenswürdigkeit. "Man spricht vom CSI-Effekt. Nicht nur im Fernsehen wird ständig suggeriert, dass wir es mit Techniken zu tun haben, die eine zweifelsfreie Identifizierung und mehr Sicherheit ermöglichen", sagt Meßner. Dabei sind selbst DNA-Analysen nicht zu hundert Prozent eindeutig. Ganz abgesehen von den Folgen für Datenschutz und Privatsphäre, wenn es um Datensammlungen à la NSA und großräumige Videoüberwachung geht. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 22.1.2014)

  • Der Kunstdieb Vincenzo Peruggia ist ein Paradebeispiel für den Erfolg der Daktyloskopie: 1911 raubte er die Mona Lisa aus dem Louvre, zwei Jahre später wurde er durch die Fingerabdrücke, die er am Tatort hinterlassen hatte, überführt. Seine Körpermaße (siehe oberen Rand) waren hingegen keine Hilfe.
    foto: corbis

    Der Kunstdieb Vincenzo Peruggia ist ein Paradebeispiel für den Erfolg der Daktyloskopie: 1911 raubte er die Mona Lisa aus dem Louvre, zwei Jahre später wurde er durch die Fingerabdrücke, die er am Tatort hinterlassen hatte, überführt. Seine Körpermaße (siehe oberen Rand) waren hingegen keine Hilfe.

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