Kopffüßler am Segway: Familienroboter und Kundenberater

30. Jänner 2014, 15:12
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Telepräsenz-Systeme auf Rollen sollen auch die Familie näher zusammenbringen

Wer im November in der Buchhandlung Morawa in der Wiener Wollzeile einkaufen ging, dem konnte es passieren, von einem seltsam anmutenden Mitarbeiter angesprochen zu werden. Im Aussehen erinnerte er an einen von Kinderhand gezeichneten Kopffüßler, der auf einen Segway-Transporter montiert wurde. Höflich erkundete er sich nach den Buchwünschen des Kunden und führte ihn zu den entsprechenden Regalen.

Rollender Einkaufsberater

Es handelte sich bei der Gestalt um Anybot, ein mobiles Telepräsenzsystem, das als Einkaufsberater in Wien sein Europa-Debüt erlebte und mittlerweile wieder in seiner US-Heimat weilt. Bis auf eine negative Rückmeldung sei es bei den Kunden gut angekommen, erinnert sich Morawa-Prokurist Stefan Mödritscher an den blechernen Kollegen. Vor allem jüngere Menschen hätten seine Hilfsangebot wie selbstverständlich angenommen.

Chattende Heimroboter

Geht es nach Herstellern wie Anybot oder Suitable Technologies, sollte auch jede Familie künftig um solch ein rollendes Videochatsystem erweitert werden. Beide US-Unternehmen wollen ihre Geräte vermehrt für den Privatgebrauch attraktiv machen und abgespeckte Versionen ihrer professionellen Modelle auf den Markt bringen. 

Sowohl Berufstätige als auch Großeltern oder Freunde sollen damit direkten Kontakt mit ihnen Nahestehenden in Wort und Bild pflegen können. Und das gewissermaßen auf Schritt und Tritt. Einmal installiert können alle, die zu dem mobilen Videokonferenzsystem zugangsberechtigt sind, es beleben und sich in der Wohnung mit ihm auf die Suche nach Gesprächspartnern begeben. 

995 Dollar Einstiegspreis

Der schlanke Familienroboter Beam+ von Suitable Technologies, dessen erste 1000 Stück zum  Einstiegspreis von 995 Dollar (rund 734 Euro) derzeit vorbestellt werden können, ist ein etwa 1,34 Meter hohes Kerlchen. Sein aus einem Tablet mit zwei Videokameras bestehender Kopf ruht auf einer Stange, die in einem rollbaren Fundament mündet.  Um ihn zu steuern braucht es einen Computer mit entsprechender Softwareinstallation, Kamera sowie Breitbandnetzanschluss. Eine der Kameras des gesprächslustigen Familienroboters dient zum Lavieren durch die Räume, über die andere kann der Nutzer virtuell Augenkontakt mit real anwesenden Personen aufnehmen. 

Zahlreiche Einsatzmöglichkeiten

Das Einsatzgebiet für derartige Systeme ist Suitable Technologies-Chef Scott Hassan zufolge breit. Nicht nur vielbeschäftigte Eltern könnten damit zwischendurch vom Büro oder von Geschäftsreisen aus nach dem Rechten zuhause schauen oder (Ehe-)Partner an Erledigungen erinnern. Großeltern könnten ihren Enkeln vorlesen oder ihnen bei den Hausaufgaben über die Schulter schauen.

Oma hat nicht immer Zutritt

Vorteil gegenüber herkömmlichen Video-Chat-Systemen: Die Teilnehmer müssten sich nicht für das Gespräch gezielt davor setzen, sondern könnten währenddessen ihre Beschäftigung fortsetzen – das Gerät kann ihnen dabei auf den Fersen bleiben. Angst vor unliebsamen Überraschungsbesuchen braucht man nicht zu haben: Das System kann so programmiert werden, dass etwa Oma oder Opa nur zu festgesetzten Zeiten einen Blick durch die Wohnung werfen können.

Betreuung kranker Menscher

Verwendet werden könnte die Telepräsenz-Maschine nach Vorstellung des kalifornischen Unternehmers auch für die Betreuung dementer Personen. Mit dem agilen Roboter könnten auf zuhause lebende betagte und kranke Menschen ein Auge geworfen werden, Betreuungspersonen beispielsweise die Einnahme von Medikamenten zu den Mahlzeiten direkt überprüfen. 

Profi-Modell fürs Büro

Intel, IBM und der US-Bezahldienst Square stellen laut "MIT Technology Review" das Profi-Modell Beam Mitarbeitern bereits als Option zu konventionellen Videosystemen bei Heimarbeit und für den Besuch von Kollegen in entfernten Firmensitzen zur Verfügung. Nicht nur in technologieaffinen Unternehmen gibt es offenbar Interesse für die wendigen und sehenden Plaudermaschinen. In Las Vegas will ein Restaurantbesitzer sie als Werber auf Passanten loslassen, ein Immobilienhändler im kalifornischen Lake Tahoe führt mit ihrer Hilfe seit kurzem potenzielle Käufer durch seine Wohnobjekte. 

Anstrengende Bedienung

Ersetzen derartige Maschinen bald den Menschen? Morawa-Prokurist Stefan Mödritscher glaubt das nicht. Dazu seien sie bei weitem noch nicht genügend ausgereift. Zur Steuerung brauche es noch immer einen Menschen. Zwar hatte man sich anfangs überlegt, dass Mitarbeiter in gerade wenig besuchten Filialen für die ferngelenkte Bedienung eingesetzt werden könnten. Doch das sei eine anstrengende Aufgabe, wie er selbst die Erfahrung gemacht hat. In einem Geschäft gebe es jede Menge Geräusche. Sich auf einen einzelnen Kunden da zu konzentrieren sei schwer. "Länger als eine Stunde geht das nicht.“ (kat, derStandard.at, 30.1.2014)

  • Telepräsenzsystemen sollen es ermöglichen, auch aus der Ferne bei der Familie anwesend zu sein.
    foto: suitable technologies

    Telepräsenzsystemen sollen es ermöglichen, auch aus der Ferne bei der Familie anwesend zu sein.

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