"Stan the Man" stoppt Djoker mit Becketts Zuspruch

21. Jänner 2014, 20:29
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Zwei Halbfinaldebütanten spielen um Finalplatz bei den Australian Open - Berdych trifft auf Wawrinka, der Djokovic erste Niederlage in Melbourne seit vier Jahren beibrachte

Melbourne - Der erste nicht in der Rod-Laver-Arena anwesende Gratulant war Roger Federer. "So verdient für 'Stan the Man'", twitterte der Sieger von 17 Grand-Slam-Turnieren, nachdem sein Landsmann und Freund den Titelverteidiger 2:6, 6:4, 6:2, 3:6, 9:7 im Viertelfinale niedergerungen hatte.

Den 16.000 Zusehern war trotz bescheidener 17 Grad Celsius während der genau vier Stunden, die Wawrinka brauchte, um für die erste Sensation im Herrenbewerb zu sorgen, ziemlich warm geworden. Wobei, der dritte Sieg im 18. Match gegen die aktuelle Nummer zwei der Tenniswelt war dem 28-Jährigen aus Lausanne, der über seinen polnischstämmigen Vater auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat, durchaus zugetraut worden. Der "Schweizer des Jahres 2013" hatte Djokovic in eben seinem großen Jahr zweimal bis auf das Äußerste gefordert. Er war ihm allerdings im Achtelfinale von Melbourne ebenso im fünften Satz (10:12!) unterlegen, wie im Halbfinale der US Open.

Beckett-Zitat in Tinte

Dazwischen, im März, hatte sich Wawrinka den linken Unterarm recht aufwändig tätowieren lassen. "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better", steht da zu lesen, ein Wort Samuel Becketts, vom irischen Literaturnobelpreisträger 1983 in der Novelle Worstward Ho niedergeschrieben. Die Ermutigung, ungeachtet ständigen Scheiterns, es stets aufs Neue zu versuchen, "ist meine Lebensphilosophie", sagt Wawrinka, "meine Philosophie als Tennisspieler".

Djokovic (26) hatte vor dem neuerlichen Duell mit dem Stehaufmann schon Übles geschwant: "Ich muss bereit sein für ein weiteres 12:10 im fünften Satz. Ich weiß, dass er seit 15 Monaten sein bestes Tennis spielt. Er hat viel Selbstvertrauen, das kannst du spüren, wenn er auf den Platz kommt. Er glaubt an sich." Die Niederlage ließ ihn dann schwer schlucken. "Ich habe mein Herz auf dem Platz gelassen, mehr konnte ich nicht tun."

Machtlos war Boris Becker, dessen Engagement als Coach Djokovics für Schlagzeilen und da und dort auch für Verwunderung gesorgt hatte. Der 46-Jährige, der davor immer mehr in seinen schwarzen Kapuzensweater versunken war, verließ nach dem Match fluchtartig den Schauplatz der ersten Niederlage in seiner noch jungen Trainerkarriere. "Novak hat 7:9 im fünften Satz verloren - das kann passieren. Das ist keine Schande", sagte Becker später auf dem Weg ins Hotel.

Verschlagen

Sein Schützling habe eineinhalb Sätze lang stark gespielt. "Dann hat Wawrinka ein unglaubliches Niveau erreicht." Und Djokovic hatte im fünften Satz, als er wieder Oberwasser zu bekommen schien, unglaubliche Fehler gemacht. "Da hat er vier Vorhände ohne Not verschlagen." Ein einfach verschlagener Volley besiegelte das Aus für Djokovic, der seit September kein Spiel verloren und in den vergangenen 14 Grand-Slam-Turnieren jeweils zumindest das Halbfinale erreicht hatte. Die Zusammenarbeit mit Becker wollte Djokovic an der ersten Niederlage in Melbourne seit vier Jahren - 2010 war im Viertelfinale gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga Schluss gewesen - jedoch nicht bemessen: "Es war ja nur der Start in die Saison."

Wawrinka, der sich nun auf den Tschechen Berdych freut, der mit Spaniens David Ferrer beim 6:1, 6:4, 2:6, 6:4 weniger Mühe gehabt hatte, war nach dem Triumph zu Tränen gerührt. "Ich bin sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr glücklich", versicherte er glaubhaft. Seine Chance auf die Finalpremiere ist groß. Im Vergleich mit Berdych liegt Wawrinka 8:5 voran. Und wenn es schief geht? Siehe Unterarm. (sid, lü)

  • Fest steht: Novak Djokovic (re.) kann seinen Titel nicht verteidigen.
    foto: apa

    Fest steht: Novak Djokovic (re.) kann seinen Titel nicht verteidigen.

  • Keine Einheit: Djokovic und sein Arbeitsgerät.
    foto: reuters/jason reed

    Keine Einheit: Djokovic und sein Arbeitsgerät.

  • Nur zwischendurch am Boden: Wawrinka.
    foto: ap/ eugene hoshiko

    Nur zwischendurch am Boden: Wawrinka.

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