Der Tag, an dem Twiggy Garcia Tony Blair verhaften wollte

21. Jänner 2014, 13:44
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Wenn der Schatten des Irak-Kriegs nicht wäre, könnte der britische Ex-Premier in aller Ruhe seine Millionen zählen

Es ist still geworden um Tony Blair. Als kürzlich Israels Ex-Premier Ariel Sharon starb, durfte der Nahost-Beauftragte bei den Trauerfeiern sprechen. Der Friedensprozess, den der frühere britische Regierungschef (1997-2007) vorantreiben soll, stagniert hartnäckig; immerhin verschaffen die Aufenthalte im Nahen Osten dem sonnenhungrigen Blair dauerhafte Gesichtsbräune. In der Heimat darf er mal mit einem echten Erzbischof disputieren, mal vor Britanniens EU-Austritt warnen. So richtig zuhören mag dem 60-Jährigen kaum jemand. Nicht einmal die beeindruckenden Millionengewinne seines Firmenimperiums sorgen noch für Kontroversen.

"Herr Blair, es geht um den Krieg im Irak"

Aber es gibt ihn noch, den Blair-Glamour, wenn auch nicht ganz so, wie ihn sich die einstige Lichtgestalt der britischen Sozialdemokratie wünscht. Eine Handvoll unbeirrbarer Exzentriker, Friedenskämpfer und Linksradikaler hängt hartnäckig an den Lippen des Sozialdemokraten, verfolgt jeden seiner Schritte eifrig und nutzt öffentliche Auftritte zu Protesten. So geschah es kürzlich wieder im schicken Ostlondoner Restaurant Tramshed.

Dass Blair in dem zum Speisesaal umfunktionierten früheren Straßenbahn-Schuppen mit Familie und Freunden dinierte, löste am vergangenen Freitag bei Barmann Twiggy Garcia Herzklopfen aus. Statt weiter Drinks zu mixen, informierte sich der junge Londoner im Internet und schritt dann zur Tat: "Herr Blair", sprach Garcia und legte dem Verdutzten eine Hand auf die Schulter, "ich nehme hiermit eine Bürgerverhaftung wegen Verbrechens gegen den Frieden vor. Es geht um den Krieg gegen den Irak. Bitte begleiten Sie mich zur nächsten Polizeistation."

"Sollten Sie sich nicht um Syrien sorgen?"

Nun wäre Blair nicht Blair, wenn er auf solch höflich vorgetragenen Widerspruch nicht eigene Argumente zur Hand hätte. Zunächst wechselte der smarte Anwalt geschickt das Thema: "Sollten Sie sich nicht um Syrien sorgen?" fragte er seinen Quälgeist, ehe er zum Irak zurückkehrte: "Finden Sie nicht, dass Saddam ein brutaler Diktator war, der beseitigt werden musste?" Da fand Garcia seine Sprache wieder: "Aber nicht durch einen illegalen Krieg." Außerdem hätten die USA und Großbritannien den irakischen Diktator Jahrzehnte lang an der Macht gehalten und mit Waffen beliefert.

Während Blair nun wieder über Syrien redete, ging einer seiner erwachsenen Söhne die Bodyguards holen, die sich gemütlich an der Bar räkelten. "Da habe ich mich lieber rasch davon gemacht", teilte Garcia der News-Website Vice.com mit – aus Erfahrung weiß er, dass die Londoner Polizei vorlaute Polit-Aktivisten härter anfasst als frühere Spitzenpolitiker.

Lobbygruppe belohnt "Bestrafung von Kriegsverbrechern"

Neben viel Publizität kann sich der hoffnungsfrohe DJ und Musikproduzent Garcia – den Job als Barman ist er los – auch auf eine hübsche Belohnung freuen. Eine Lobbygruppe, die sich die "Bestrafung von Kriegsverbrechern" aufs Panier geschrieben hat, wirbt schon seit Jahren für den nach britischem Recht tatsächlich zulässigen Bürgerarrest. Zielscheibe ist ausschließlich der Ex-Premier: Blair dürfe "den von ihm verursachten Massenmord" nicht vergessen.

Die einschlägige Website ArrestBlair.org trägt den Zweck im Namen – und lockt mit hübschen Belohnungen für alle medienwirksamen Zwischenfälle. Die vier bisherigen Hilfssheriffs erhielten Honorare zwischen 2.900 Euro und 3.800 Euro. Freilich gaben sie das Geld gleich für gute Zwecke weiter. Das unterscheidet sie von ihrer Hassfigur: Der internationale Geschäftsmann Blair investiert die Millionen, die er mit der Beratung zwielichtiger Diktatoren und Banker verdient, lieber in Immobilien. (Sebastian Borger aus London, derStandard.at, 21.1.2014)

  • Twiggy Garcia ist schon die fünfte Person, die versucht hat, Tony Blair zu verhaften. Der News-Website Vice.com erzählte Garcia seine Geschichte (Bild).
    foto: screenshot von vice.com

    Twiggy Garcia ist schon die fünfte Person, die versucht hat, Tony Blair zu verhaften. Der News-Website Vice.com erzählte Garcia seine Geschichte (Bild).

  • Tony Blair im Dezember 2005 vor britischen Infanteristen im Irak.
    foto: ap/kirsty wigglesworth

    Tony Blair im Dezember 2005 vor britischen Infanteristen im Irak.

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