Postler als Arzneikuriere

22. Jänner 2014, 10:45
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Die strenge Qualitätssicherung von Medikamenten lässt sich mit kundenfreundlicher Online-Bestellung kaum vereinbaren - Jetzt ist die EU gefordert, Regelungen zu vereinheitlichen

Für manche ist es eine theoretische Marktöffnung, die an der praktischen Umsetzung scheitern wird, für andere ist es die größte Veränderung im Apothekenmarkt überhaupt: Der Versandhandel mit Medikamenten soll in der EU künftig strikter kontrolliert, gleichzeitig aber liberalisiert werden.

Damit soll mehr Transparenz in den Internethandel gebracht und so die Verbreitung von Arzneimittelfälschungen verhindert werden. Noch im Frühjahr soll eine entsprechende EU-Verordnung erlassen werden, die dann mit einer Übergangsfrist von zwölf Monaten auch in Österreich gelten wird.

Dann kann man tatsächlich in entsprechend qualifizierten Apotheken Arzneimittel im Internet bestellen und sich zusenden lassen. Rezeptfreie Produkte wohlgemerkt - zumindest in Österreich. Deutschland öffnet den Markt auch für rezeptpflichtige Produkte. Gleichzeitig soll durch die Begrenzung der Liberalisierung auf Apotheken sichergestellt werden, dass keine Fälschungen in Umlauf kommen.

Zukunft Versandhandel

Für Walter Oberhänsli, Vorstand des Schweizer Versandhändlers Zur Rose, der in Österreich über eine Tochter in Tschechien bereits jetzt mit der Drogeriekette dm zusammenarbeitet, ist klar, dass dem Versandhandel die Zukunft gehört. Zuletzt betonte er bei einem Vortrag in Wien, dass der Versand von OTC-Produkten in Deutschland im Jahr 2004 zu einem starken Wachstum geführt habe. Der Marktanteil liege bereits bei zwölf Prozent.

Um die drohende Konkurrenz auszubremsen, hat der Apothekerverband deshalb die Online-Plattform APOdirekt.at ins Leben gerufen. Das Konzept: Kunden sollen im Internet Produkte auswählen und sie in einer wohnortnahen Apotheke abholen. Nach diesem Prinzip agiert der Elektrohandel sehr erfolgreich, "Click and collect" ist der Fachbegriff. Es wird geschätzt, weil jeder in Ruhe auswählen kann und Versandkosten spart.

Medikamente mit Erklärung

"In unserem Fall bekommt ein Kunde das Medikament dann aus der Hand einer fachkundigen Person, die er noch zur Anwendung befragen kann. Die flächendeckende Verteilung, die eingespielte perfekte Logistik und die Kompetenz vor Ort sind die idealen Voraussetzungen für dieses System", betont Verbandspräsident Christian Müller-Uri.

Sein Ziel: "Die Apotheker zeigen Präsenz im Internet, informieren über ihre Leistungen, ihren Service und ihre Kompetenz." Und: Jede Apotheke kann ein riesiges Sortiment präsentieren, auch wenn dieses nicht auf Lager ist, das ist besonders für kleine Apotheken ideal. Spätestens im April will der Verband mit der Website starten. Ursprünglich haben 650 der insgesamt rund 1300 Apotheken ihr Mitmachen signalisiert.

Das System umgeht vor allem ein zentrales Problem des offenen Versandhandels: Wie soll etwa bei der Postzustellung die Sicherheit der Übergabe und bei sogenannten Pick-up-Stellen - wie in Drogerien - die richtige Lagerung von Arzneimitteln gewährleistet werden? Was passiert, wenn ein Kunde das Produkt spät abholt oder einen Vertreter schickt oder der Postler das Arzneipackerl im Briefkasten deponiert, der Kälte, Sonne oder Regen ausgesetzt ist? All das kann die Qualität beeinträchtigen.

Lückenlose Kontrolle

Vor allem aber: Es widerspricht einer anderen EU-Regelung, die seit einem Jahr in Kraft ist, und wiederum via Internet angebotene Fälschungen verhindern soll. Seit Juli des Vorjahres wird lückenlos kontrolliert: von der Produktion bis zum Endverbraucher. Es dürfen nur noch Wirkstoffe zur Weiterverarbeitung in die EU eingeführt werden, die nach Standards der sogenannten guten Herstellungspraxis produziert wurden. Nicht alle Länder sind auf die Regelung vorbereitet. Das führt bereits zu ersten Lieferschwierigkeiten von Arzneimitteln und Engpässen in Apotheken.

Bereits seit Januar 2013 müssen nach der neuen EU-Fälschungsrichtlinie alle importierten Wirkstoffe der in der EU vorgeschriebenen Good-Manufacturing-Practice (GMP) entsprechen. Das allein reicht aber nicht. Einerseits soll die Herkunft der Wirkstoffe genau kontrolliert sein, andererseits ein Medikament von der Herstellung bis zum Konsumenten lückenlos nachvollziehbar sein, und zwar nicht etwa eine Charge, sondern jede einzelne Packung.

Dafür gibt's dann auch ein eigenes Logo, das die EU in einem langen Auswahlverfahren gefunden, aber bisher trotz mehrmaliger Ankündigungen ähnlich wie die damit zusammenhängende Verordnung zur Liberalisierung des Versandhandels noch nicht veröffentlicht hat. Der Grund dafür: Es ist selbst der EU-Kommission noch nicht klar, wie Sicherung und Transportvorgaben erfüllt und kontrolliert werden sollen. (Martin Schriebl-Rümmele, DER STANDARD, 21.1.2014)

  • Die Post bringt allen was. Die Online-Bestellung von Medikamenten ändert Systeme.
    foto: apa/harald schneider

    Die Post bringt allen was. Die Online-Bestellung von Medikamenten ändert Systeme.

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