Protest in Kiew radikalisiert sich dramatisch

20. Jänner 2014, 22:39
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Gewaltbereite Nationalisten übernehmen Initiative aufseiten der Opposition

Kiew/Moskau – Zweiter Tag der Gewalt in Kiew: Auch am Montag kam es in der ukrainischen Hauptstadt wieder zu Auseinandersetzungen zwischen radikalen De­monstranten und Sicherheitskräften. Vermummte warfen Steine und Brandsätze auf die Polizei, die ihrerseits mit Gummigeschossen, Schallgranaten und Tränengas gegen die Menge vorging. In der Nacht auf Dienstag gingen die Straßenschlachten weiter.

Die Zahl der Verletzten ist auf beiden Seiten auf je rund 100 gestiegen. Mehrere Opfer wurden dabei schwer verletzt. Laut dem Direktor des Kiewer Gesundheitsamts, Witali Mocharew, mussten drei Demonstranten die Augäpfel entfernt werden, einem wurde die Hand amputiert, da der Knochen völlig zerschmettert war. Das Innenministerium berichtet über Brüche und Kopfverletzungen bei mehreren Beamten.

Journalisten verletzt

Unter den Verletzten sind auch zwei Journalisten. Der Kameramann von Radio Swoboda filmte dabei zufällig den Angriff auf seine eigene Person. Das bereits im Internet kursierende Video zeigt, wie ein Polizist auf den Journalisten anlegt und eine Granate abfeuert, bevor der Bildschirm schwarz wird. Offiziell bestätigt wurde zudem die Festnahme von zwei Korrespondenten. Sie hätten sich in einer Gruppe gewaltbereiter De­monstranten aufgehalten und seien nicht als Journalisten gekennzeichnet gewesen, erklärte ein Behördensprecher.

Die gemäßigten Oppositionsführer Witali Klitschko und Arseni Jazenjuk haben sich von der Gewalt distanziert und Verhandlungen gefordert. Bei einem Treffen Klitschkos mit Präsident Wiktor Janukowitsch wurde die Bildung eines Vermittlungsausschusses beschlossen, um einen friedlichen Weg aus der Krise zu finden.

Klitschko kritisierte allerdings bereits, dass Janukowitsch nicht selbst an den Verhandlungen teilnimmt, sondern den Chef des nationalen Sicherheitsrats, Andrej Kljujew, vorschickt. Diesen macht die Opposition für die blutige Niederschlagung der Demonstration am 30. November verantwortlich.

Verschärfte Gesetze

Seit November demonstrieren Janukowitschs Gegner in Kiew. Auslöser war die abgesagte Assoziation mit der EU. Die Proteste haben sich radikalisiert, nachdem das ukrainische Parlament Ende letzter Woche das Demonstrationsrecht verschärft und die Pressefreiheit beschnitten hatte. Die Verantwortung für die Gewalt hat der sogenannte "rechte Sektor" , gewaltbereite Nationalisten aufseiten der Opposition, übernommen. Aus ihren Reihen wurde am Sonntag auch Klitschko attackiert, als er schlichten wollte. (André Ballin /DER STANDARD, 21.1.2014)

  • Ein Demonstrant schießt mit einer Steinschleuder auf Polizisten.
    foto: reuters/fedosenko

    Ein Demonstrant schießt mit einer Steinschleuder auf Polizisten.

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