"Um Gottes Willen, ich möchte kein Geld vom Patienten"

Interview21. Jänner 2014, 08:48
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Ob Gebühr, Selbstbehalt oder mit Überweisung: Alles, was den Zulauf in die Ambulanzen einbremst, ist Harald Mayer recht

STANDARD: Der Hausärzteverband beklagt, dass die Ambulanzen den niedergelassenen Ärzten die Existenzgrundlage nehmen, da immer mehr Patienten mit Bagatellfällen in die Spitäler drängen.

Mayer: Das ist leider die Wahrheit. Da kommen an Feiertagen oder Wochenenden Patienten in die Ambulanz, weil sie gerade Zeit haben, sich anschauen zu lassen, bringen noch die Frau mit, und auch der Bub ist dabei, denn der hat seit fünf Tagen Fußweh. Solche Fälle werden immer mehr, da die Wirtschaft Arztbesuche während der Dienstzeit eindämmt.

STANDARD: Das führt aber unweigerlich dazu, dass die Patienten nur in die Ambulanzen gehen können, da niedergelassene Ärzte an Tagesrandzeiten oder an Wochenenden keine Ordination haben.

Mayer: Der niedergelassene Arzt macht ja schon jetzt mit dem System der gedeckelten Tarife effektiv Verluste. Das ist alles nicht attraktiv, um patientenfreundlichere Öffnungszeiten zu machen.

STANDARD: Um den Zulauf ins Spital einzubremsen, wollen Sie Ambulanzgebühren. Über den Geldbeutel der Patienten soll ein Umdenken erreicht werden?

Mayer: Um Gottes willen, ich möchte kein Geld vom Patienten. Ich will nur ein Regulativ, das Patientenströme sinnvoll und effizient leitet. Dazu gehört, dass man eben nicht wegen jeder Kleinigkeit, etwa wegen ein bisschen Herzstechen um 23 Uhr, die Ambulanz aufsucht. Natürlich kann dahinter auch ein Infarkt stecken, aber das sollte vielleicht jemand beurteilen, der das auch kann, etwa der Hausarzt. Eine Möglichkeit der Regulierung könnte auch sein, dass nur noch niedergelassene Ärzte oder Fachärzte an Ambulanzen überweisen dürfen. Ich bin ein Befürworter der Regulierung des Zugangs in Ambulanzen.

STANDARD: Ambulanzgebühren sind ja nicht neu. Allerdings wurden diese 2003 nach zwei Jahren wieder eingestellt, da eben kein Lenkungseffekt erkennbar war.

Mayer: So wie die Ambulanzgebühren damals aufgesetzt waren, waren sie ein Schmarrn. Wenn man eine Gebühr einführen will, muss das eine sein, die auf jeden Fall zu entrichten ist. Es muss ein einfaches, administrierbares System sein. Man kann auch einen Selbstbehalt einführen. Es geht einfach darum, dass die teuerste ambulante Gesundheitseinrichtung, die wir haben, nicht rund um die Uhr ungefiltert durch Selbstzuweisungen überschwemmt werden kann.

STANDARD: Aber machen Sie es sich als Arzt nicht zu einfach, wenn Sie den schwarzen Peter den Patienten zuschieben?

Mayer: Wir sind zum Teil sicher auch selber schuld, weil wir den Patienten jahrzehntelang signalisiert haben, sie können immer und jederzeit in die Spitalsambulanzen kommen. Dies war jedoch zu Zeiten, in denen wir Ärzte im Überfluss hatten, aber jetzt kommen wir an die Grenzen des Leistbaren, weil wir immer weniger Ärzte werden, und die werden auch immer älter. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 21.1.2014)

Harald Mayer wurde 1960 in Wien geboren. Seit 2007 ist der Unfallchirurg und Oberarzt im oberösterreichischen Landeskrankenhaus Schärding Obmann der Bundeskurie der angestellten Ärzte in der Ärztekammer.

  • AKH-Ärzte protestieren Dienstagfrüh gegen Personalkürzung.
    foto: apa/neubauer

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  • Harald Mayer will "ein Regulativ, das Patientenströme sinnvoll und effizient leitet".
    foto: ärztekammer/laresser

    Harald Mayer will "ein Regulativ, das Patientenströme sinnvoll und effizient leitet".

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