Im Boxring der 1990er-Jahre

20. Jänner 2014, 18:27
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David F. Wallace' "Unendlicher Spaß" in der Garage X

Wien - David Foster Wallace (1962-2008) hat seinen monumentalen Roman Unendlicher Spaß vor dem Zeitalter von Facebook, Twitter und sonstigen Online-Chat-Formaten geschrieben. Aber schon 1996 (Ersterscheinungsjahr) haben die Visionen einer in der nahen Zukunft angesiedelten politisch und sozial gekippten Unterhaltungsgesellschaft das 1500-Seiten-Werk durchzogen wie Schmauchspuren einer brennheißen Ahnung.

Die verbissene Suche nach der ultimativen Unterhaltungsdroge, einer unerhörte, gar lebensbedrohende Hochgefühle evozierenden "Filmpatrone" des Tennisschulgründers James O. Incandenza, fädelt in Unendlicher Spaß verschiedene US-Schauplätze der Zukunft aneinander. Im Zentrum der maßlosen Ausleuchtung isolierter Gegenwartsmenschen bleibt die Familie Incandenza, allen voran Sohn Hal, der nebst einer Drogenkarriere familienbedingt auch jene eines Profitennisspielers vor Augen hat.

Wallace' letzter (unvollendeter) Roman, Der bleiche König, ist inzwischen auch auf Deutsch erschienen. Bei Unendlicher Spaß kommt die Auseinandersetzung jenseits der Erstrezensionen jetzt erst in die Gänge. Unendlicher Spaß ist derzeit in einer äußerst kurzweiligen, die 90er-Jahre als uferlose Kulisse atmenden Aufführung in der Garage X zu sehen. Zum Soundtrack der Rocky-Filme skizziert das Ensemble in dreieinhalb Stunden das ausgehöhlte Universum der Wallace-Figuren: tragisch herangewachsene, getriebene, gestresste oder einfach nur mies gelaunte, lächerlich bunt gekleidete Individuen, die in Riesenschritten auf die konsumgepeitschten Nullerjahre zulaufen.

Vor einem mit Tennisbällen gespickten Maschendrahtzaun (Bühne: Monika Rovan) wechseln Julia Jelinek, Tim Breyvogel, Karim Chérif, Bernhard Dechant und Thomas Feichtinger Sonnenbrillen und Stöckelschuhe, Perücken und Bomberjacken und scheuen keine Grimassen, um die seltsamen Erlebnisse im Umkreis der Incandenza-Familie nachzustellen. Die Inszenierung von Christine Eder bleibt dem collagehaften Gebilde des Romans auf der Spur. Wenn gekifft wird, dann braucht es die Theaternebelmaschine. Unendlicher Spaß ist ein aufrichtiges Unterfangen und ein weiteres Verdienst der Garage X um den Import von Popliteratur ins Theater. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 21.1.2014)

Bis 28.2.

  • Julia Jelinek, Karim Chérif; Bernhard Dechant (v. li.).
    foto: yasmina haddad

    Julia Jelinek, Karim Chérif; Bernhard Dechant (v. li.).

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