Zu wenig Cannabis für Denver: Als Amsterdam nach Colorado kam

Reportage20. Jänner 2014, 18:42
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Die Freigabe von Cannabis ist erst vor drei Wochen erfolgt. Doch schon jetzt ist klar: Die Nachfrage übersteigt das Angebot um ein Vielfaches

Angefangen hat es in Amsterdam, wo sonst. Es ist elf Jahre her, da verbrachten Mitch und Eva Woolhiser ihre Flitterwochen in der Stadt, in der man unbeschwert Gras rauchen konnte. "Wenn das je bei uns möglich wird, sollten wir vorneweg marschieren", schworen sich die beiden. "Und nun", sagt Eva Woolhiser, einst Zahnhygienikerin, "nun ging es so schnell, dass ich mich manchmal kneifen muss, weil ich denke, das kann nicht sein, das träumst du nur."

Denver, die Mile High City, eine Meile über dem Meeresspiegel am Fuße der Rocky Mountains gelegen, hat jetzt sogar Amsterdam überholt. Es hat dem Genuss von Cannabis nicht nur das Stigma des Kriminellen genommen, sondern auch einen staatlich regulierten Markt dafür geschaffen, mit Steuern und Stichprobenkontrollen und allem Drum und Dran. Einen Markt wie für Zigaretten oder Whiskey. 

Einfach mal richtig kichern

Sheridan Boulevard Nr. 2045, an der Tür von Northern Lights leuchtet ein neongrünes Kreuz, drinnen lässt das Ambiente an eine Mischung aus Arztpraxis und Edelkonditorei denken. Über einer Sofaecke stehen elegante Gläser in einem dezent beleuchteten Regal, gefüllt mit getrockneten Cannabisblüten wie mit teuren Pralinen. "Etwas für die gute Laune", sagt Eva Woolhiser und präsentiert ihre belebenden, berauschenden Sorten, Chernobyl, Sour Diesel, Jack's Cleaner. Daneben die einschläfernden, schmerzlindernden Blüten, Dacono Kush, Kandy Kush, Blue Mystic. In einer Vitrine die essbaren Produkte, Kekse mit Hanfgeschmack oder Cannabis-Brownies.

Wer den Laden betritt, muss sich ausweisen. Es gelten die gleichen Regeln wie bei der Ausschank von Alkohol: Bedient wird nur, wer 21 ist oder älter. "Ach, ich will einfach mal richtig kichern", sagt ein Mittvierziger, der seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte. "Klar, Mann, ich wünschte mir, ich hätte es schon viel früher probiert." Eine Rentnerin schwört auf Marihuana, weil es gegen Arthritis helfe. Abends heftet Eva Woolhiser Stecknadeln an eine Landkarte, um zu zeigen, woher die Leute kommen. Texas, Kentucky, Louisiana: Die Südstaaten, wo der Genuss von Pot am härtesten geahndet wird, sind stark vertreten.

Lieber inkognito

Ortswechsel. Ein Industriepark irgendwo an einer Bahnlinie. Mitch Woolhiser brütet über dem Laptop, früher hat er Software programmiert, heute leitet er ein Gewächshaus, eines für Sour Diesel & Co. Draußen verrät kein Schild, nichts, was sich drinnen befindet. "Du musst es nicht jedem auf die Nase binden", erklärt Eva Woolhiser. Lieber inkognito als ausgeraubt. 2009, als Colorado den Rauschgiftkonsum zu Heilzwecken zuließ, haben sich die Woolhisers ihren Amsterdamer Traum erfüllt und mit dem Pflanzen begonnen, "in einem Keller, das reinste Provisorium". Jetzt mieten sie eine kleine Fabrikshalle, in der einmal Wurst abgepackt wurde, in einer schummrigen Gegend, die sich gut als Thrillerkulisse eignen würde. Der Wachhund heißt Mary Jane.

Als sich das Experiment der Coloradans aufs Medizinische beschränkte, ließ sich die Sache noch überschauen. Bei Northern Lights hatten sie 40 bis 50 Kunden am Tag, und so kinderleicht, wie es immer hieß, war es gar nicht, von einem Arzt ein Rezept zu bekommen. Seit dem 1. Jänner dürfen exakt dreitausend Pflanzen in der früheren Wurstfabrik wachsen, festgelegt nach staatlichem Plan. Jede einzelne ist mit einem Barcode versehen, damit Inspektoren sie scannen können, um sicher zu sein, dass nicht geschummelt wird. Wer mit Marihuana handelt, muss nachweisen, dass mindestens siebzig Prozent seiner Ware aus eigenem Anbau stammen. Und sobald eine Ladung Blüten die Halle verlässt, meldet es Mitch Woolhiser, penibel wie ein Buchhalter, an die Behörden. Es ist die Transparenz, mit der Colorado der Schattenwelt der Drogenkartelle das Wasser abzugraben versucht.

Kundenansturm

Der Haken ist, der Kundenansturm übertrifft alle Erwartungen. Im Großraum Denver gibt es rund sechzig Pot-Geschäfte, wie sich herausstellt, zu wenig für ein Ballungsgebiet mit fast drei Millionen Bewohnern. Theoretisch darf jeder eine Unze kaufen, 28 Gramm. Praktisch kommen die Woolhisers, wie alle anderen auch, mit dem Pflanzen nicht hinterher. Bereits eine Woche nach dem Start in der Silvesternacht mussten sie Rationen einführen, höchstens sieben Gramm für jeden. Eva Woolhiser kommentiert es mit einem gelassenen Grinsen: "Wir wurschteln uns durch, das machen wir Amerikaner doch immer."

Bei Natural Remedies, beste Innenstadtlage in Denver, gibt es nur noch drei Gramm pro Person, und wer verstehen will, was für eine Branche von Autodidakten dies ist, der braucht nur mit der Besitzerin zu reden. Linda Andrews war Krebsforscherin, ihrer Familie gehört das Gebäude. Als die Bilderrahmenwerkstatt, an die sie den Keller vermietete, krisenbedingt auszog, beschloss sie kurzerhand, den Keller selber zu nutzen, als Marihuana-Filiale. "Learning by doing" nennt sie als Maxime.

In der Warteschlange steht Hector Luna, ein Ökonomie-Student, er sehe die Welt ziemlich nüchtern, betont er. "Fakt ist, der Krieg gegen Drogen hat nichts gebracht. Zwanzig Jahre Knast wegen ein paar Gramm Pot, das ist doch absurd." Aber das wisse man ja spätestens seit der Prohibition: Je strenger das Verbot, umso mehr hätten die Leute getrunken – und umso riskanter: Schwarzgebranntes an Stelle von Bier. "Was damals Alkohol war, ist heute Marihuana, und was wir in Colorado gerade erleben, ist das Ende der Prohibition Nummer zwei."

Keine Konten für Drogenhändler

Dann ist da noch die Sache mit den Banken. Nach amerikanischen Bundesgesetzen sind Drogen noch immer tabu, zudem ein Synonym für Geldwäsche. Also keine Konten für Drogenhändler, auch nicht für legale, da geht keine Bank ein Risiko ein. Nicht nur, dass die Händler ihre Tageseinnahmen bündelweise zu irgendeinem Tresor fahren müssen, sie bekommen auch nirgends Kredit. Und: Bei Northern Lights zahlt man ausschließlich bar, was in den USA, dem Mutterland der Kreditkarte, so ungewöhnlich ist, als liefe man mit einer Flasche Budweiser in der Hand über die Straße.

Trotz des Improvisierens am Start gibt es Leute, die das ganz große Geschäft mit dem grünen Rausch wittern. Tripp Keber etwa, der Marihuana-Mogul, wie die Boulevardpresse ihn nennt. Unter der Marke Dixie Elixirs lässt er Brause, Bonbons und Gebäck mit Haschischbeigabe herstellen – und sich feiern, als wäre er ein genialer Computerbastler aus einer Silicon-Valley-Garage, der Mann der Zukunft.

Debatten in der Öffentlichkeit

Eva Woolhiser spricht nicht von einem Rausch, sie spricht von überfälliger Normalisierung. Es ist auch nicht so, dass ganz Denver nach Gras riecht. Nur in Privatwohnungen darf gekifft werden, in der Öffentlichkeit, gleich ob in Kneipen oder in Parks, bleibt es verboten. Es ändert nichts daran, dass es heftigen Widerspruch gibt. "Ich höre immer wieder, Marihuana sei nicht schlimmer als Alkohol. Nun, unsere Medizinervereinigung meint, Marihuana sei eine gefährliche Droge und sollte deshalb nicht zugelassen werden", kritisiert John Meyer, ein Kolumnist der "Denver Post", der konservative Gegenpol zu Ricardo Baca, dem Rauschgift-Redakteur, den sich die Zeitung seit ein paar Wochen leistet.

Während Baca die neue Normalität Freiheit unterstreicht, indem er seitenweise einschlägige Rezepte empfiehlt, etwa Pilze mit Möhren, Lauch, Makkaroni und cannabisversetztem Olivenöl, zitiert Meyer seinen zornigen Bruder aus Florida: "Colorado, ihr habt die Affen den Zoo übernehmen lassen." (Frank Herrmann aus Denver, DER STANDARD, 21.1.2014)

  • Warteschlange vor dem Laden von Natural Remedies, einer von rund 60 Marihuana-Filialen im Großraum Denver.
    foto: frank herrmann

    Warteschlange vor dem Laden von Natural Remedies, einer von rund 60 Marihuana-Filialen im Großraum Denver.

  • Eva Woolhiser in der Cannabis-Pflanzung, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Mitch in einer alten Fabrikshalle betreibt.
    foto: frank herrmann

    Eva Woolhiser in der Cannabis-Pflanzung, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Mitch in einer alten Fabrikshalle betreibt.

  • Ein Cannabis-Club im Skiort Breckenridge in den Rocky Mountains.
    foto: frank herrmann
    Ein Cannabis-Club im Skiort Breckenridge in den Rocky Mountains.
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