Er will keine Memoiren, er will den Augenblick

20. Jänner 2014, 17:50
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Zwei Jahrzehnte nach Max Frischs Tod liegt nun bei Suhrkamp ein Buch mit Auszügen aus seinem "Berliner Journal" vor, das in einem Schweizer Banksafe lag

Wien - "Ich falle mir schwer, dafür können die anderen nichts", notierte Max Frisch (1911-1991) im März 1974 in sein "Berliner Journal". Ein Jahr zuvor hatte der Schweizer Autor im selben Tagebuch über das Bewusstsein geschrieben, "dass ich den Aufgaben, die sich im Umgang mit Menschen stellen, überhaupt nie gewachsen gewesen bin, ich habe es nur meistens nicht bemerkt."

Letzteres sah 1957 schon Walter Faber so. "Menschen", heißt es in Homo Faber, "sind eine Anstrengung für mich, auch Männer". Dass daher der Erkenntnisgewinn aus Frischs Berliner Tagebuch, Auszüge daraus sind nun unter dem Titel Aus dem Berliner Journal bei Suhrkamp erschienen, begrenzt sein würde, ließen schon die Passagen, welche Ende letzten Jahres in der Zeit daraus vorabgedruckt wurden, befürchten.

Dabei ist das "Berliner Journal", das Frisch in einem Schweizer Banksafe deponierte und bis zwanzig Jahre nach seinem Tod für die Öffentlichkeit sperrte, mythenumrankt. Frisch dazu 1981 in einem Interview mit Volker Hage: "Als ich 1973 nach Berlin kam, habe ich manchmal wieder ein Tagebuch geführt, (...) über Grass, über Johnson, die Leipziger Buchmesse, aber auch gemischt mit sehr Privatem. Das Tagebuch hat viel mit der Ehe zu tun, darum kann ich es nicht vorlegen, will es auch nicht. (....) Das ist jetzt gesperrt (...): wegen der Beteiligten, die dann weiter davon weg sind. Das habe ich erst mal in den deep freezer getan."

Doch nicht alles dem Tiefkühler entnommene Wiederaufgewärmte mundet. Dazu kommt, dass der Inhalt dreier der insgesamt fünf Ringbücher, die Mitglieder der Max-Frisch-Stiftung dem Banksafe entnahmen, weiterhin ein Geheimnis bleibt. Denn gerade die private Chronik der Jahre 1974 bis 1980 kann, wie Thomas Strässle im Nachwort schreibt, aus "persönlichkeitsrechtlichen Gründen" nicht veröffentlicht werden.

Raum für Mitschuld

Das ist nicht weiter schlimm. "Heute Flugschein nach NY geholt" notiert Frisch am 25. 3. 1974, dem zweitletzten Eintrag des "Berliner Journals". Was anschließend geschah, lässt sich in Frischs autobiografischer Erzählung Montauk nachlesen. Dort steht: "Er will keine Memoiren. Er will den Augenblick". In der Tat ist es der erwähnte New-York-Aufenthalt, der zu jenem in Montauk beschriebenen Wochenende führte, das der Autor im Mai 1974 mit der 30 Jahre jüngeren Lektorin und späteren Lebensgefährtin Alice Locke-Carey an der Ostspitze von Long Island verbrachte.

Die Publikation von Montauk führte ab 1975 zu einem öffentlich ausgetragenen Streit Frischs mit seiner Frau Marianne, mit der er im ersten Eintrag des "Berliner Journals" die Wohnung in der Berliner Sarrazinstraße 8 bezieht. 1979 wurde die Ehe geschieden. Frisch hat seine Tagebücher stets in Um- und Aufbruchzeiten geschrieben. Das erste umfasst die Jahre 1946 bis 1949. Im zweiten Tagebuch - 1966 bis 1971 - ist die Position des Autors nicht mehr die des inmitten der europäischen Trümmerlandschaft verschonten Schweizers. Nun schreibt ein Beteiligter, dem die vergangenen Jahrzehnte mehr als genug Raum für Mitschuld gelassen haben. Meist in privaten Dingen. Auch deswegen mutet das "Berliner Journal" zuweilen wie die Flaschenpost von einem an, den man zuletzt auf einem robusten Kahn gesehen hat, "und nun tönt es nach grimmiger Seenot", wie Frisch zu Dürrenmatt meinte.

Dabei schreibt Frisch dieses Jornal im Bewusstsein davon, dass er ein Erfolgsschriftsteller ist. "Kein Mangel an Geld. Im Gegenteil" schreibt er. Er trifft in der geteilten Stadt mit den Westberliner Nachbarn Grass, Enzensberger, Johnson zusammen. Auch in Ostberlin, das ihn interessiert, ist er ein gern gesehener Gast, u. a. bei Christa Wolf. Ingeborg Bachmann, deren Briefwechsel mit Frisch noch immer gesperrt ist, kommt an zwei Stellen vor. Einmal in einem Traum, ein zweites Mal in einer Episode, in der sich Frisch an die mit Bachmann verbrachte Römer Zeit erinnert.

Zieht man das Aktuelle ab, ist das nun vorliegende Tagebuch, wie seine Vorgänger, vor allem durch die schonungslos thematisierte Kollision von Möglichem und Erhofftem mit Scheitern, Altern und Alkoholproblemen interessant. Vor allem aber gilt für Frisch selbst, was er über Günter Kunert schreibt: Hier spricht ein "unabhängiger Kopf, einer mit großen Augen und mit der Sensibilität eines Poeten, der viel weiß, vieles liebt". (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 21.1.2014)

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