Viel Verlogenheit um Eugen Freund

Kommentar20. Jänner 2014, 16:18
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Für die SPÖ ist die Europawahl noch nicht verloren - wenn sie hinter ihrem Kandidaten steht

Zweifellos: Eugen Freund hat im "Profil"-Interview mit seiner Fehleinschätzung zum durchschnittlichen Einkommen eines Arbeiters medial „einen Bock geschossen“. Ein Spitzenkandidat der SPÖ müsste so etwas wissen, im Idealfall – obwohl die SPÖ ja längst keine Arbeiterpartei mehr ist. Ist der frühere ORF-Moderator damit als Zugpferd der Roten für den Europawahlkampf also praktisch schon tot, bevor er überhaupt angefangen hat, in die innenpolitische Arena zu steigen?

Keine Rede davon. Der „Wirbel“ um den angeblich so abgehobenen Neopolitiker Freund, wie es nun in den Zeitungen sowie in den Medien seines Ex-Arbeitgebers ORF heißt, und vor allem die Häme von so vielen Journalisten über ihren früheren Kollegen, ist völlig überzogen. Liest man die der Aufregung zugrunde liegenden Sätze in dem "Profil"-Interview nach, verwundert vor allem eines: wie kurz diese Passage ist. Drei ganz kurze Fragen, drei ebenso kurze Antworten.

Es ging bei dem Gespräch offenbar gar nicht um die soziale Lage von Arbeitern in Österreich; oder darum, dass die größten Probleme in der Krise gerade jene haben, die nur in Teilzeit beschäftigt sind; oder um jene, die wegen fehlender Ausbildung die geringsten Chancen haben; oder – auf der anderen Seite des Spektrums – um zum Beispiel gut ausgebildete Facharbeiter in der Industrie, die sogar mehr verdienen können als die ominösen 3000 Euro brutto im Monat.

Es ging (nicht nur) in diesem Interview des Wochenmagazins vor allem darum, dem mitteilsamen Ex-ORF-Mann möglichst plakative „Sager“ zu entlocken. Das mag vielleicht der Grund sein, warum die Kollegen auch nicht den vermeintlichen Skandal um das Arbeitereinkommen in den Titel gehoben haben, sondern einen anderen schrägen „Sager“ Freunds: „Mir geht es wie Bill Clinton“.

Shitstorm auf Twitter

Das ist legitim. Leute aufs Glatteis zu führen ist der Job von uns Journalisten. Verwunderlich an der Antwort Freunds ist auch mehr, warum er nicht sofort nachfragte, von welchen Arbeitern denn die Rede sei. Den "durchschnittlichen Arbeiter" gibt es ja nur als statistische Größe, nicht als Menschen. Das Ganze bewegt also (noch) auf dem Boden einer gewissen politischen und inhaltlichen Oberflächlichkeit. Zum Skandälchen wurde es erst, als auf Twitter ein Shitstorm losbrach.

Kein Mitleid mit Eugen Freund. Aber wenn dieser Totschlägerzugang Schule macht, wird bald wohl niemand mehr in Österreich bereit sein, sich das anzutun und als Kandidat die Politik zu gehen. Schon gar nicht Leute, die was können und in ihrem Leben etwas geleistet haben. Das wäre jammerschade, denn welche Art von Politiker bliebe dann eigentlich übrig?

So ähnlich war das übrigens auch 1996, als die (im Auftreten damals schon ebenfalls etwas schrille) ORF-Moderatorin Ursula Stenzel für die ÖVP bei den Europawahlen antrat. Und auch, als ein gewisser Hans-Peter Martin das 1999 für die SPÖ tat. Im Wahlkampf dominierte damals gegenüber den „Quereinsteigern“ aus den Medien die Skepsis. Beiden, Stenzel wie Martin, gelang es dennoch, bei den Europawahlen für die Parteien, für die sie antraten, Platz 1 zu erobern.

Keine Debatte über Kandidatenkür

Davon ist Freund weit entfernt. Aber zu glauben, dass er mit solchen Anfangsfehlern die Wahl für die SPÖ fast schon verloren hat, ist eine völlige Überzeichnung. Viel gefährlicher für den Kandidaten als Fehleinschätzungen von statistischen Zahlen wäre es, wenn jetzt in der SPÖ selber eine Debatte beginnt, die vor der Kür des ORF-Stars durch den Parteichef und Kanzler persönlich nicht stattgefunden hat, bzw. nicht stattfinden durfte: warum man ihn überhaupt geholt hat.

So war es nämlich. Freund wurde der SPÖ-Delegation in Straßburg ohne Rückfrage auf‘s Aug gedrückt. Die Gewerkschafter wären gerne mit „ihrer“ Evelyne Regner als Nummer eins in die Wahlschlacht gezogen, Wunsch auch der SP-Frauen. Kein Wunder, wenn Minister Rudolf Hundstorfer und Spitzengewerkschafter angesichts des Freund-Lapsus nun grummeln. Dass auch der Steirer Jörg Leichtfried Wortspielchen mit Freund betreibt: Auch kein Wunder, er hatte bis zuletzt gehofft, Spitzenmann der Euro-Truppe zu bleiben.

Zumindest bisher gibt es aber keine Anzeichen, dass die SPÖ ihren noch fremdelnden Kandidaten gleich wieder fallenlässt. Im Gegenteil: Die SPÖ (wie auch die ÖVP) weiß, dass es bei den EU-Wahlen ums Leiberl geht. Da steht auch die Zukunft der Koalition und der Partei auf dem Spiel. Also werden wohl alle für Freund und die SPÖ-Liste rennen (müssen).

Für oder gegen die EU?

Denn was im Moment noch völlig übersehen wird: Hauptthema im EU-Wahlkampf wird nicht das Durchschnittseinkommen eines Hacklers sein, oder von Pensionisten, sondern die Frage „Wie hältst Du’s mit Europa. Für oder gegen den Euro, für oder gegen die EU?“ Dafür wird die FPÖ, und nicht nur sie, schon sorgen. Freund, der Millionen Österreichern seit Jahren bis ins Wohnzimmer als Nachrichtenvertrauensmann gilt, hat da alle Chancen zu überzeugen. Die Nachricht von seinem Absturz könnte etwas verfrüht sein.

Eine kleine Ironie noch zum Umgang mit Zahlen und Fakten: In der ZiB2 vergangene Woche wurde im Bericht über den Neokandidaten Freund gemeldet, dass das Europaparlament 550 Abgeordnete habe. Das ist von der wirklichen Zahl ungefähr so weit entfernt wie Freunds Schätzung des Bruttogehalts eines Arbeiters in Österreich. Und es sind auch nicht 750, wie via Twitter nachgereicht wurde, die derzeit ein EU-Mandat haben, und auch nicht 751 Abgeordnete. Wer weiß schon so genau von allen Empörten, was genau in Europa passiert? (Thomas Mayer, derStandard.at, 20.1.2014)

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