Experte: Schule leistet nicht genug für Migrantenkinder

20. Jänner 2014, 15:03
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Deutscher Erziehungswissenschafter Radtke ortet bei AK-Symposium "Integrationsversagen" des Systems

Wien - Seit 40 Jahren sind in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund beim Schulerfolg benachteiligt, erreichen schlechtere Leistungen und seltener höhere Schulabschlüsse. Der Grund für diese Ungleichheit aus Sicht von Frank-Olaf Radtke, Erziehungswissenschafter an der Goethe-Uni Frankfurt: "Unsere Schulen erbringen für diese Bevölkerungsgruppe keine angemessene Dienstleistung."

Man müsse wegkommen davon, die Schuld auf die Kinder, Familien oder Herkunftskultur zu schieben, sondern sich fragen, wo die Schule ihre Leistung nicht erbracht habe, so Radtke, der im deutschen Schulsystem ein "Integrationsversagen" ortet. Er ist einer der Vortragenden beim Dallinger Symposium der Arbeiterkammer zum Thema "Gemeinsam lernen - Vielfalt erleben".

"Gleichbehandlung führt zu Ungleichheit"

Derzeit, so Radtke, würden an den Schulen alle Kinder gleich behandelt. "Aber die Gleichbehandlung von Ungleichen führt zu Ungleichheit", kritisiert er. Kinder mit Migrationshintergrund würden nun einmal von der Schule eine andere Leistung brauchen und müssten anders behandelt werden, um zu gleichen Ergebnissen wie Kinder ohne Migrationshintergrund zu kommen. Gleichzeitig fordert er eine generelle Individualisierung des Unterrichts ein: "Jedes Kind braucht etwas anderes, um erfolgreich zu sein - das gilt für alle Kinder."

Um diese Individualisierung leisten zu können, müssten nicht nur die Lehrer in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet werden, auch die Organisation Schule müsse sich anpassen und die entsprechenden Kapazitäten zur Verfügung stellen, wie das in Skandinavien jetzt schon der Fall sei. Es dürfe nicht mehr als Selbstverständlichkeit hingenommen werden, dass Schüler mit Migrationshintergrund eine schlechtere Bildungsabschlüsse erreichen, "obwohl es keinen Grund dafür gibt, außer dass sie eben nicht 'dazugehören', wenn man so will."

Gegen separate Sprachförderung

Er fordert für Schüler mit Migrationshintergrund zusätzliche Förder- und Unterstützungsangebote, wie es sie etwa an den amerikanischen Boarding Schools gibt. "Es braucht Leute im System, die sich um die Kinder kümmern und darauf achten, dass sie nicht abgehängt werden." Schüler, die die Unterrichtssprache nicht beherrschen, zur Sprachförderung zunächst in separaten Klassen zu unterrichten, wie das in Österreich wiederholt debattiert wurde, sieht Radtke skeptisch. Entsprechende Versuche in den 1980ern und 90ern hätten gezeigt, dass den Schülern das "Sprachbad" in der Unterrichtssprache fehle. (APA, 20.1.2014)

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