Warum Färberfroschväter riskieren, dass ihre Kaulquappen gefressen werden

20. Jänner 2014, 15:43
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Risikoabwägung: Kannibalische Artgenossen vs. instabilere Gewässer

Heidelberg/New York - Männliche Färberfrösche (Dendrobates tinctorius) sind für das Ablegen ihrer geschlüpften Nachkommen in Kleinstgewässern zuständig. Wie die Forscherin Bibiana Rojas von der finnischen Universität Jyväskylä aktuell in der Fachzeitschrift "Behavioral Ecology and Sociobiology" berichtet, treffen sie dabei auf den ersten Blick merkwürdige Entscheidungen: Sie bringen ihre Kaulquappen zur Metamorphose eher in ein Gewässer mit größeren, fleischfressenden Artgenossen als in ein leeres Wasserloch - und nehmen damit die Gefahr von Kannibalismus in Kauf. 

Männlicher Färberfrosch beim Ablegen von Kaulquappen. Video: Youtube

Die Frösche setzen ihre Nachkommen demnach nur dann in leeren Kleinstgewässern ab, wenn alternative Wasserlöcher bereits mit Kaulquappen der gleichen Größe voll besetzt sind. Wenn man bedenkt, dass größere Kaulquappen ihre kleineren Argenossen häufig auffressen, erscheint dies auf den ersten Blick nicht gerade nachvollziehbar.

Signal für Stabilität

Rojas untersuchte eine Population des giftigen Färberfrosches in den Wäldern von Französisch-Guayana. Diese Tiere setzen ihren Laich mit vier bis fünf Eiern gewöhnlich in Höhlen ab. Nachdem die Kaulquappen geschlüpft sind, werden sie von den Männchen zu Kleinstgewässern wie wassergefüllten Baumlöchern oder Palmendeckblättern gebracht. Dort abgelegt, bleiben die Kaulquappen unbeaufsichtigt und können das Gewässer während der etwa zweimonatigen Metamorphose nicht verlassen.

Die Bedingungen in dem Gewässer sind also entscheidend für die Überlebenschancen der Jungtiere und damit die Verbreitung der elterlichen Gene. Rojas kam in ihren Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Anwesenheit größerer Larven von Artgenossen für die Froschväter ein Signal für Stabilität und Qualität des betreffenden Wasserlochs ist.

Kaulquappenkannibalismus. Video: Youtube

Risikoabwägung

"Die Anwesenheit und Größe von Artgenossen beeinflusst die elterliche Entscheidung bei der Auswahl eines Aufzuchtortes für ihre Nachkommen", sagt Rojas. "Die auf den ersten Blick unverständliche Entscheidung der Eltern, ihre Nachkommen bei größeren Kannibalen abzusetzen, ist schließlich doch sinnvoll." Denn die Auswahl werde letztlich anhand einer Risikoabwägung zwischen instabilen Gewässern und der Gefahr durch größere Artgenossen getroffen.

"Die Entscheidung ist wie ein Glücksspiel für den Froschvater. Es besteht das Risiko, dass seine Kaulquappen von größeren Bewohnern eines besetzten Wasserlochs gefressen werden - ein unbesetztes Wasserloch könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass notwendige Grundvoraussetzungen für die Entwicklung nicht erfüllt sind. Wenn die Kaulquappen nicht gefressen werden, sind sie in einem stabilen Wasserloch natürlich sicherer als in einem, das leicht austrocknet." (red, derStandard.at, 20.1.2014)

  • Auf den zweiten Blick keine schlechten Eltern: Färberfrösche.
    foto: bibiana rojas

    Auf den zweiten Blick keine schlechten Eltern: Färberfrösche.

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