Die schimpfende Gabel im Test

20. Jänner 2014, 12:27
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"HAPIfork" vibriert im Mund, wenn man zu schnell isst, und übermittelt Essgewohnheiten auf Smartphones

"Langsam, iss nicht so schnell!" Diese Worte habe ich als Kind oft gehört. Doch trotz der Anstrengungen meiner Eltern verschlang ich meine Chicken Nuggets weiterhin rasend schnell. Bis vor einer Woche zumindest, als bis die Nörgelei wieder anfing – doch dieses Mal kam sie von einer Gabel.

Die 100 Dollar teure Gabel „HAPIfork" vibriert im Mund, wenn man zu schnell isst und vermittelt die guten und schlechten Essgewohnheiten drahtlos auf ein Smartphone. Der Hersteller Hapilabs glaubt, dass Nutzer dadurch langsamer und in der Folge auch weniger essen und somit Gewicht verlieren.

Pause von zehn Sekunden

Nimmt man zwei Bissen innerhalb von zehn Sekunden, ermahnt einen die Gabel mit einer Vibration und blinkt dabei rot. Die Vibration dauert nur kurz und tut nicht weh – sie ähnelt etwa einer elektrischen Zahnbürste. Nimmt man sich mehr als zehn Sekunden zwischen zwei Bissen Zeit, blinkt die Gabel grün. Man kann diesen erforderlichen Abstand auch erhöhen oder verringern, doch Hapilabs rät, dass zehn Sekunden ideal seien, damit eine angemessene Mahlzeit 20 Minuten dauert. Das empfehlen auch Ernährungsberater, mit denen ich gesprochen habe.

Mit einem Gewicht von über 60 Gramm fühlt sich die HAPIfork nicht gerade wie elegantes Besteck an. Sie ist schwerer und länger als typische Gabeln, da in der spülmaschinenfesten HAPIfork technische Komponenten wie ein Beschleunigungsmesser, eine Batterie und andere Teile stecken. Es ist schon seltsam, eine Gabel an ein Ladegerät zu hängen, aber zumindest kann man es mit einem typischen Micro-USB-Kabel tun. Die Batterie hält etwa fünf Tage.

Bei der Installation sollte ich der Gabel eingeben, ob ich ein „Stocherer" oder ein „Schaufeler" bin. Dadurch soll die Gabel besser Bewegungen erkennen können, jedoch musste ich sie immer noch auf ganz spezielle Weise zum Mund führen, damit sie eine Bewegung als Bissen erkannte. Wenn ich mit den Zinken Hühnchen und Brokkoli aufspießte, erkannte die Gabel all meine Bissen, jedoch erkannte sie meine Bissen Reis fast nie.

Drahtlosübertragung ans Smartphone

Während des Essens beobachtete ich ständig den Countdown auf meinem Telefon. „Gutes Timing!" stand da, wenn ich meine Bissen mindestens zehn Sekunden voneinander trennte. Es macht Spaß zu beobachten, wie die Daten sofort per Bluetooth an mein Telefon übertragen werden, aber „Ich verfolge meine Essgeschwindigkeit" ist keine gute Entschuldigung dafür, dass man beim Essen sein Telefon auf dem Tisch lässt. Die iPhone- und Android-Apps waren zeitweise jedoch langsam und reagierten schlecht.

Das Unternehmen sagt, dass es derzeit daran arbeite, die Probleme mit der App und der Gabel zu beheben.

Zwar habe ich mich mehrmals danach gesehnt, die HAPIfork „versehentlich" in einem Restaurant zu vergessen, doch ich esse jetzt tatsächlich langsamer. Ich achte genauer auf jeden Bissen, seit ich weiß, dass ich auf den nächsten zehn Sekunden warten muss. Bei manchen Mahlzeiten habe ich sogar weniger gegessen. Aber kann ich auch wirklich abnehmen, wenn ich langsamer esse?

Zu schnelles Esse führt zu Übergewicht

Es gibt wissenschaftliche Beweise dafür, dass zu schnelles Essen mit übermäßigem Essen zusammenhängt. Jedoch könne allein die Essgeschwindigkeit nicht zu einer Gewichtsabnahme führen, sagen Experten.

„Was man auf die Gabel tut macht den Unterschied", sagt die Ernährungberaterin Roberta Larson Duyff. Wenn man zwischen zwei Bissen länger wartet, mag man zwar weniger essen, „aber man muss die Gabel trotzdem mit gesünderem Essen füllen".

Susan Roberts, Ernährungsprofessorin an der Tufts University, sagt, dass viele der Nahrungsmittel mit dem höchsten Fettgehalt – Chips, Eis, Hamburger, Pommes Frites – nicht mit einer Gabel gegessen werden. „Die meisten Amerikaner essen nur etwa ein Drittel oder die Hälfte ihrer Kalorien mit einer Gabel", sagt sie.

Ich kann mir schon die nächste Generation der HAPIfork vorstellen, die mit einer Siri-ähnlichen Stimme sagt: „Das würde ich an deiner Stelle nicht essen", während ich mein paniertes Hühnchen verspeise. Doch bisher kann die Gabel noch nicht erkennen, was man isst. Mit der App kann man händisch eintragen, was genau man gegessen hat.

HAPIfork ermöglicht Speisetagebuch

Der praktischste Aspekt der HAPIfork war, dass ich dadurch aufgezeichnet habe, wie viel ich wann gegessen habe. Mir sind gute und schlechte Ernährungsentscheidungen dadurch bewusster, und ich kann meine Mahlzeiten im Voraus besser planen. Doch es gibt bessere Software für solche Zwecke. Mit der App kann man lediglich Fotos von einer Mahlzeit hochladen und beschreiben, was man gegessen hat. Eine gute App sollte auch einen Kalorienzähler und eine Tagesübersicht beinhalten.

Deshalb sind mit Apps wie MyFitnessPal oder MyPlate lieber. Diese gibt es für iOS und Android. Beide haben ausführliche Datenbanken mit Kalorieninformationen. MyFitnessPal hat eine etwas größere Essensdatenbank als MyPlate, letztere App ist hingegen im Design besser. Und das beste: Beide Apps sind kostenlos.

Es ist also nicht unbedingt nötig, 100 Dollar für eine Gabel auszugeben, um die größte Herausforderung beim Abnehmen zu meistern, nämlich Gemüse anstatt Chicken Nuggets zu essen. (JOANNA STERN, WSJ.de/derStandard.at, 20.1. 2014)

  • Die HAPIfork soll auch beim Abnehmen helfen
    foto: hapifork

    Die HAPIfork soll auch beim Abnehmen helfen

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