Michael Glawogger in Rabat: Warten

21. Jänner 2014, 10:06
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Der österreichische Dokumentarist ist auf der Reise für sein Projekt "Film ohne Namen" in Marokko angekommen

Als er die Botschaft von Liberia in Rabat betrat, freute er sich gleich auf Liberia. Das war selten. Die Botschaft eines fremden Landes bewirkt meist das Gegenteil. Man ist immer Bittsteller, Antragsteller, einer, der etwas will und dem Botschaftspersonal Arbeit macht. Dafür hat jedes Land seine eigenen Abwehrmechanismen in petto. Westliche Botschaften z.B. wirken kaum je wie freundliche Repräsentantinnen einer fremden Kultur, sondern eher wie Hochsicherheitstrakte oder Gefängnisse. Aber vielleicht ist gerade das der aktuelle Kern dieser Kulturen? In jedem Fall kann man von der Botschaft (und wie man dort empfangen wird) schon auf das Land selbst schließen. "Do judge a book by it's cover", hatte er sich dabei oft gedacht. Bei Büchern funktioniert das ja meistens auch. Hält man ein Buch lange genug in der Hand und denkt man darüber nach, warum es so aussieht, wie es aussieht, dann kann man schon einiges über den Inhalt vorhersehen. Selten wurde er nach eingehender Einbandanalyse vom Rest eines Buches überrascht. Bei Hotels ist das schon schwieriger, denn Fassade und Lobby lassen keine einwandfreien Schlüsse auf die Zimmer zu. Botschaften hingegen sind ein astreines Cover.

In Marokko angekommen, führte ihn sein Weg direkt in das Botschaftsviertel von Rabat, um Visa für Mauretanien, den Senegal, Gambia, Guinea Bissau, Liberia, Côte d'Ivoire, Ghana, Benin, Nigeria, Gabun, Kongo und die DR Kongo zu beantragen. Also für eine schlichte Reise durch Westafrika.

Kleine Expedition

Die Tour durch die Botschaften entpuppte sich bald als eine kleine Expedition. Er dachte zuerst daran, sie in der gleichen Abfolge wie die spätere Reise selbst anzulegen, aber das scheiterte rasch. Botschaften sind nicht leicht auszurechnen. Naturgemäß sind sie geprägt von Öffnungszeiten, Feiertagen, Regulativen, Ausnahmen von Regulativen, Stunden, in denen gebetet werden muss, und fixen Zeiten für das Couscous-Essen am Freitag. Das war ihm alles äußerst verständlich, und auch er selbst würde den Teufel tun, auf sein Couscous zu verzichten wegen ein paar reiselustiger Rucksacktouristen, die später vielleicht noch Schwierigkeiten machen würden, weil sie sich kopflos in irgendwelche Abenteuer stürzten, die einem dann nur Scherereien, schlechte Presse und jede Menge Papierkram einbrächten, wenn nicht sogar den Job kosteten.

Er hegte demnach zwar jegliche Empathie für jene, die ihm Prügel in den Weg legten – aber Prügel sind eben Prügel, vor allem, wenn sie sich in Form von Formularen materialisieren, die dreimal handschriftlich auszufüllen sind. Die vorher im Internet ausgefüllten Papiere gleichen Inhalts wurden beim Eintritt in die Botschaft für null und nichtig erklärt, und neue Formulare gebracht. An diesen schien es nirgendwo Mangel zu geben, sondern scheinbar unerschöpfliche Ressourcen. Als gäbe es kein Morgen, keinen Regenwald und keine Wirklichkeit außerhalb dieser Daten, die es hier einzutragen galt. Seine Daten nahmen in diesen Tagen ein eigenes Leben an, das einem Gebet glich. Name des Vaters, der du bist im Himmel, geheiligt werde die Passnummer, das Reich des Geburtsortes komme, der Wille der ausstellenden Behörde geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden. Unser tägliches Formular gib uns heute, vergib' uns unsere Auslassungen und falschen Angaben; führe uns nicht in Versuchung, über die Absichten unserer Reise zu lügen, und erlöse uns vor dem Bösen, beim Ausfüllen etwas zu verheimlichen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft, uns sonst abzuweisen. Und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Doch damit war es nicht getan und konnte es nicht getan sein, denn dann kamen die wahren Hürden. Die Hotelreservierungen, die Briefchen mit persönlichen Worten zur Route, die Einladungen von Repräsentanten im jeweiligen Land und die zusätzlichen Begleitschreiben der eigenen Botschaft, ohne die es nicht geht. Und in genau dem Moment, in dem man endlich alles beisammen hat, muss der Botschafter zum Gebet oder zum Couscous. Was ja, wie schon gesagt, durchaus einsichtig ist, und dessen Hinterfragung nichts anderes bewirken würde als die Hinterfragung der eigenen Anwesenheit. Dann wird man selbst mürbe und schwach und weiß auf die plötzlich gestellte Frage, warum man denn eigentlich unbedingt nach Gambia reisen wolle, keine Antwort mehr. Man stammelt dann etwas wie "Kulturelle Recherche" und ist sofort ertappt, denn ins Formular hatte man "Tourist" geschrieben, und ein Tourist hat weder Absichten noch Ziele und schon gar nichts zu recherchieren.

Wieder einmal musste er der Obrigkeit völlig Recht geben und wollte den Konsul schon fragen, ob er nicht mit ihm und seinen Angestellten beten gehen dürfe. Doch dieser schnitt ihm den Gedanken ab und sagte, dass alles kein Problem sei, und er am Montag nächster Woche wiederkommen könne, denn heute nach dem Gebet dürfe er nicht mehr arbeiten, ohne Gott zu erzürnen. Aber am Montag nächster Woche würde man ein Visum (das Allerheiligste) bekommen, um die Herrlichkeit Gambias kulturell recherchieren zu können. Beim Couscous (es war gerade Freitag) konnte er sich den Gedanken nicht verkneifen, wie es denn für einen Reisenden aus Gambia wäre, bräuchte der in einer Woche Visa für England, Russland, Indien, Österreich, die USA und Israel. Gut, die Botschafter und Konsulatsbeamten gingen vielleicht weniger beten, dafür wäre es aber ungleich schwieriger, in ihre Hochsicherheitsbereiche überhaupt eingelassen zu werden. Vor der Botschaft der USA war meist ein ganzer Straßenzug gesperrt, in den man gar nicht so leicht vordringen konnte. Da war Wien keine Ausnahme.

Prachtvolles Visum

Aber zurück zum Anfang. Nachdem er ein Wortgemetzel mit einer sprachlichen Bandbreite babylonischen Ausmaßes mit Kamerun hinter sich gebracht hatte, das mit den Worten des Militärattachés "You can fill up with the best fish in Cameroon for one Euro" endete, zog er weiter in Richtung Liberia. Dort wurde er in einen breiten, etwas abgewetzten Lederfauteuil gesetzt, von denen es zehn Stück im Raum gab. Ein junger Mann in einem Hemd voller grellroter Rosen telefonierte laut schreiend, indem er sein Handy direkt vor den Mund hielt, und ein alter Mann mit elegant gestutztem weißen Backenbart betete in einer finsteren Ecke, aus der seine Augen und dieser Bart herausleuchteten. Über ihm prangte das Porträt der Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, die freundlich von der Wand strahlte – ganz anders als die männlichen Würdenträger der anderen Botschaften, die sich in Uniformen, glänzenden Anzügen oder Stammestracht präsentierten. Der Konsul kam, lächelte freundlich über sein Ansinnen, nach Liberia zu reisen, und musste herzlich darüber lachen, dass er noch nie dort gewesen war. Er gab ihm innerhalb einer Stunde seinen Pass zurück, geschmückt mit einem prachtvollen Visum für sechs Monate, mit dem er sechsmal aus- und wieder einreisen konnte. Wieder hell lachend fügte er hinzu, dass ihm der Stift ausgerutscht sei bei der Zahl sechs. Er verabschiedete sich und versicherte ihm, dass er mehr von Afrika verstehen würde, wenn er erst einmal in Liberia gewesen wäre. Als er das Gebäude verließ, bereit, die Hymne Liberias auswendig zu lernen, konnte er sich nicht einmal erinnern, ob er etwas hatte ausfüllen müssen.

Er wollte sich ein Hemd mit grellroten Rosen kaufen, aber das gab es hier in Marokko nicht. Stattdessen saß er schwitzend in einem Hamam und ließ sich den Dreck von der Haut schrubben. Er würde noch ein wenig warten müssen, bis er die Bücher aufschlagen durfte, die er in der Hand gehalten hatte. (Michael Glawogger, derStandard.at, 21.1.2014)

  • Die Botschaft von Kamerun in Rabat - "Do judge a book by it's cover"
    foto: michael glawogger

    Die Botschaft von Kamerun in Rabat - "Do judge a book by it's cover"

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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