Wie ich meine Hirnwichserei abstelle

Blog23. Jänner 2014, 13:51
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Den Geist befreien oder der definitiv allerletzte Plan B

Kopflos oder reich
Von Regina Walter

Wäre ich Leser des (Nicht-)Raucherblogs, würde ich spätestens jetzt sagen: Leute, schön langsam wird's fad. Da wird andauernd von Rückfällen, Inkonsequenz und Ausreden geschrieben und nebenbei auch noch gejammert, was das Zeug hält.

Zu meiner Rechtfertigung: Ich habe weder mir noch sonst irgendjemandem zu irgendeinem Zeitpunkt etwas vorgemacht. Ich wusste, es wird schwere Kost, was ja auch sein Gutes hat, denn wenn mein Kollege und ich so leicht könnten, wie wir wollten, hätte der Blog schon nach dem zweiten Eintrag sein erfolgreiches Ende gefunden.

Trotzdem: Das Projekt verlangt nach einer absehbaren Lösung, denn auf Dauer hält selbst der liebgewordene (Nicht-)Raucherkollege mein tägliches Gesülze nicht mehr aus.

Opfer meiner Zwangsgedanken

"Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen" - der Psychologe Giullio Cesare Giacobbe bringt es in seinem Buch auf den Punkt: "Wir können gar nicht mehr aufhören zu denken, ganz egal ob es für uns förderlich ist oder nicht." Das ist es, was ich seit nunmehr zehn Wochen tue, "hirnwichsen" - oder auf gut Deutsch: Ich bin auf dem besten Weg, mir eine Neurose anzuzüchten.

Neurosen werden unter anderem als störende, länger andauernde psychische Einstellungen oder Verhaltensgewohnheiten definiert. Ich halte meine Neurose für eine Zwangsneurose, weil sich die Gedanken an Zigaretten permanent in mein Gehirn drängen, mich zum Opfer dieser Zwangsgedanken machen.

Damit ist jetzt Schluss, ich will mein Leben endlich wieder genießen können, und das bitte tunlichst als Nichtraucher. Und wenn das alles auch nichts fruchtet, dann gibt es noch einen allerletzten Plan B. Ich kaufe mir Giacobbes Buch mit dem Titel "Wie Sie ein schönes, reiches Miststück werden: Ein Leitfaden für die clevere Frau von heute". Denn wenn das gelingt, wen interessiert dann noch, ob ich rauche oder nicht?

 

Keine Sonntagsspaziergänge mehr
Von Günther Brandstetter

Es ist Zeit, ein vorläufiges Resümee zu ziehen: Die vergangenen zehn Wochen waren durchwachsen von Lust und Frust. Eines habe ich mir zumindest bewiesen: Es geht auch ohne, und es stürzt mich in keine Lebenskrise, wenn doch einmal zwei oder drei Zigaretten meine Lungenflügel passieren.

Das Projekt ist keineswegs abgehakt, doch nun sollte es darum gehen, die nikotinfreien Zeiten zur Normalität werden zu lassen. Das gelingt nur - da muss ich der werten Kollegin uneingeschränkt recht geben -, wenn der Kopf möglichst keine Gedanken mehr an das giftige Kraut verschwendet. Das ist aber kein (kognitiver) Sonntagsspaziergang. "Der ehemalige Raucher muss sich und damit seinen Körper wieder finden", hat mir der Meister der Akupunkturnadeln erklärt. Dem kann ich nur zustimmen.

Wer war ich früher?

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn was tut ein Nichtraucher, während andere mehr oder weniger genussvoll das Hier und Jetzt in Rauch aufgehen lassen? Nichts und alles, außer pofeln natürlich. Das ist wenig und ungemein viel. Auch ich habe rudimentäre Erinnerungen daran, schließlich konnte ich die ersten 14 Jahre meines Lebens auch so leben.

Was im Kopf hängen geblieben ist? Da war viel Lust am eigenen Körper - lange bevor die testosteronschwangere Phase, sprich Pubertät, über mich hereingebrochen ist. Jede Menge Bewegung, die sich selbst genügte und nicht in ein gesundheitsökonomisches Korsett gezwängt wurde. Schlichtweg: pure Körperlichkeit um ihrer selbst willen. Daran sollte ich wieder anknüpfen, denn Sonntagsspaziergänge sind für einen (Nicht-)Raucher definitiv zu wenig. (Regina Walter, Günther Brandstetter, derStandard.at, 23.1.2014)

  • Möglichst keinen Gedanken mehr an das giftige Kraut verschwenden - stattdessen "die Hirnwichserei abstellen und das Leben genießen".
    foto: ap/heribert proepper

    Möglichst keinen Gedanken mehr an das giftige Kraut verschwenden - stattdessen "die Hirnwichserei abstellen und das Leben genießen".

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