Vaterfreuden der Buchstabenmagie

20. Jänner 2014, 07:26
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Eugen Gomringer half in den 1950er-Jahren mit, die "konkrete poesie" zu erfinden. Heute verwaltet er das funktionalistische Erbe des Bauhauses mit. Sein Ideal: die sinnfällige Form

Wien - Als Eugen Gomringer begann, ein Minimum an Wörtern auf einem leeren Blatt Papier zu verteilen, lebte Gottfried Benn noch. Gomringer, der heute Montag seinen 89. Geburtstag feiert, gilt als Miterfinder der "konkreten poesie". Der Begriff mag 1953/54 in der Luft gehangen haben. Gomringer prägte ihn als Erster. Der Sohn eines Schweizers und einer Bolivianerin leitete ihn von der abstrakten Malerei ("konkreten Kunst") seiner Zeit ab.

Gomringer ist der Meister planmäßiger Sprachverknappung. Einige seiner "konstellationen" gehören ins Schatzkästchen moderner Poesie. Fast jeder Gymnasiast stolpert irgendwann im Deutschunterricht über Texte wie "ping pong". Auf vier Zeilen wird unter Zuhilfenahme des Schriftbildes alles Notwendige ausgesagt: "ping pong / ping pong ping / pong ping pong / ping pong". Eine solche Wiedergabe des Textes ist unlauter. Sie unterschlägt die Einrückungen, die bei jedem Vers um ein Wort voranschreiten. Der Effekt ist kolossal. Das Gedicht zeigt, was es sagt, und wird mit seinem Zweck identisch.

Poesie, wie Gomringer sie schuf, hat viel mit Design zu tun. Die "konkrete poesie" operiert mit dem Zeichencharakter der Buchstaben. Ihre wichtigsten Erkenntnisse haben in der Werbung und im Produkt-Marketing Einzug gehalten. Sie sind eigentlich unbezahlbar.

Gomringer, der dieser Tage als Gast des Burgtheaters in Wien weilte, lächelt verschmitzt. Ihm waren in der Kunst Klarheit und Fasslichkeit wichtig. In seinen frühen Manifesten klingt der Utopismus vergangener Tage an. Auch in der Poesie sollte der Gebrauchswert dominieren. Alles musste einfach, einprägsam und überschaubar sein. Dem Dichter-Ingenieur ist nichts zu schwer. Er will das "ästhetische kapitel der universalen sprachgestaltung unserer zeit" bestreiten. Schön ist das Sinnfällige. Sinnfällig ist die Schönheit.

Konkrete Sonntagsdichter

"Die konkreten Dichter sind im Grunde Sonntagsdichter", sagt Gomringer. "Sie schreiben, wenn ihnen etwas auffällt. Wenn auf der Straße ein roter Bus vorüberfährt, dann kann das zum Thema werden. ,Rot', ,Bus', ,fährt' bilden dann die Bestandteile einer Konstellation. Aber eine solche Arbeit ist kein Beruf." Auch wenn beispielsweise Ernst Jandl einen solchen daraus machte.

Gomringer kann man "nicht nur als konkreten Dichter festlegen. Ich bin mehr, ich bin umfänglicher." Der Kunsthistoriker wurde "sehr früh Mitglied des Werkbundes". Den Schweizer Werkbund leitete er acht Jahre als Geschäftsführer. Bei der Porzellanfabrik Rosenthal war Gomringer für Design zuständig. Das führte ihn wiederholt nach Wien, wo er Vorträge hielt, aber auch Kontakte zu Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs knüpfte. "Dazwischen kam immer wieder einmal einer und fragte: "Du bist doch Poet! Schreibst du noch?"

Tut er. Eugen Gomringer verfasst heute Sonette. In ihnen listet er Themen auf, die er noch bearbeiten möchte. Er wolle "weder Petrarca noch Shakespeare nachmachen". Herkömmliche Gedichte schreibt - sehr erfolgreich - seine Tochter Nora.

Er selbst sagt: "Meine Fragestellung lautete: Was nützt es, wenn wir über Theorien nachdenken, die wir im praktischen Leben nicht verwerten können?" Als der Werkbund 1907 begründet wurde, standen einander jeweils zwölf Künstler und zwölf Unternehmer gegenüber. "Daraus gingen Gropius und das Bauhaus hervor. Am Ende dieser Linie fühle ich mich wohl. Wir haben Formen erarbeitet, Gleichgewichte hergestellt." Kunst musste sinnfällig werden, um ganz zu sich zu kommen? Verschmitztes Lächeln. Gomringer sagt: "Setzen, Eins!" (Ronald Pohl, DER STANDARD, 20.1.2014)

  • Eugen Gomringer: "Die konkreten Dichter sind im Grunde Sonntagsdichter."
    foto: andy urban

    Eugen Gomringer: "Die konkreten Dichter sind im Grunde Sonntagsdichter."

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