Der Mensch unter der Perücke

20. Jänner 2014, 07:17
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Bryn Terfel debütierte in "Tosca" an der Staatsoper

Wien - Böse Zungen behaupten, wenn ihr sonst nichts einfalle, dann spiele die Staatsoper eben Tosca. Die pragmatischen Vorteile der Inszenierung (aus 1958) sind bekannt: wenig Kulissenaufwand, der aber dem Evergreen opulente Wirkung sichert. Und die Auffrischung, die ihm Direktor Dominique Meyer verpasst hat, ist nach wie vor ein Gewinn, auch wenn der wieder eingesetzte Weihrauch Geschmacksache bleibt.

Alles andere als salbungsvoll schritt Dirigent Paolo Carignani zur Tat, ermunterte die Blechbläser beim einleitenden Scarpia-Motiv zu dröhnender Wucht, hielt die satten Lyrismen in Fluss, steuerte zielstrebig den dramatischen Höhepunkten zu, ohne Details zu ignorieren. Nur wenige seiner Kollegen verbinden derzeit einen ähnlich sicheren Instinkt für Klangfarben mit rhythmischer Stringenz und plastischen Linien. Das Publikum wusste dies zu würdigen, konzentrierte seinen Jubel freilich auf die Sänger, wo mit einer Ausnahme die Repertoirenormalität herrschte: Martina Serafin gab Tosca mit wohldosiertem Pathos, emotionale Höhenflüge blieben bei ihr aber aus wie bei Cavaradossi, also Massimo Giordano, der zwar alle tenoralen Ingredienzen einbrachte, aber daraus weder einen echten Charakter formte noch den - korrekten - Spitzentönen einen zwingenden Zusammenhang mit seinen Phrasen gab.

Das übrige Ensemble blieb zuverlässig, sodass alle Augen auf den Rollendebütanten Bryn Terfel gerichtet waren. Sein Scarpia hatte wuchtige Schwärze - und weit mehr: Nicht nur in den lyrischen Passagen verstand sich Terfel auf subtile Zurücknahme, ließ damit Schwächen und Zweifel anklingen. Statt eines hölzernen Bösewichts kam der Mensch unter der Perücke zum Vorschein. (Daniel Ender, DER STANDARD, 20.1.2014)

  • So intensiv wie subtil - Bryn Terfel als Scarpia.
    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    So intensiv wie subtil - Bryn Terfel als Scarpia.

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