Kluges Theater mit Banalattacke

20. Jänner 2014, 06:56
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Erfolgreiche Antrittspremiere von Intendantin Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus: "Die Rasenden" werden zum profunden Theaterabend, allerdings mit alberner Finalpointe

Als das Theater vor genau 2472 Jahren unter Aischylos' Anleitung zum ersten Mal über die Atriden-Causa zu Gericht saß, beschloss es in einem epochalen, bis heute gültigen Grundsatzurteil, dass hinfort für die Sühne auch der allerabscheulichsten Verbrechen Recht und nicht mehr Rache zu gelten habe. Es sprach mit der Stimme von Pallas Athene, der aus Zeus' Kopf geborenen Göttin der Aufklärung und der Vernunft, den Muttermörder Orest vom Fluch der immerwährenden Blutschuld frei. Und das Volk der Athener jubelte und jauchzte.

Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg nimmt sich das Theater über sechseinhalb Stunden Zeit, den Fall neu aufzurollen. Es rekonstruiert skrupulös den Tathergang samt fataler Vorgeschichte. Es sichtet Beweisanträge, holt Gutachten ein, ergründet Tatmotive und würdigt die Opfer.

Als aber der geständige Angeklagte, der einzige überlebende Täter, nun endlich von ihm wissen will, ob er schuldig sei oder nicht - da erklärt sich das Theater für nicht mehr zuständig und verweigert ihm sein Urteil. Es hat nicht die Absicht, Recht zu sprechen.

Es schickt ihm stattdessen drei räsonierende Stammtischbrüder, die zwar nicht Orests Frage, dafür aber sich selbst gern reden hören: einen Wichtigtuer (Gustav Peter Wöhler), der über Was-ist-was-Sachbücher und schwarze Löcher räsoniert; einen Lass-mich-mit-dem-Unsinn-in-Ruhe-Typen (Michael Wittenborn), der etwas von Willensfreiheit vor sich hin nuschelt.

Und es schickt einen Bescheidwisser (Joachim Meyerhoff), der anhand von Schrödingers Katze, auf eine Schiefertafel gestrichelt, dem verdatterten Orest erklärt, in dessen Fall nicht Bescheid wissen zu können. Quantenmechanisch jedenfalls. Aha. Und das Volk der Hamburger jubelt und jauchzt - und buht. Welcher Gott (oder welche Göttin) mag Karin Beier dazu angestiftet haben, einen über weite Strecken klugen, dichten, in einigen Passagen schlicht großartigen, fesselnden Theaterabend mit dieser finalen Banalattacke zu verstümmeln?

Das seltsame Trio

Waren es die Erinnyen - jene hundsköpfigen Rachegeister, denen verwehrt bleibt, sich in Eumeniden, in wohlgesinnte Schützer der neuen Rechtsordnung zu wandeln, da sie zugunsten dieses seltsamen Trios wegradiert wurden? Wirkt deren Fluch auch dann noch nach, weil man beschließt, ihn nicht einmal mehr zu ignorieren? Karin Beier hat sich für ihre (wegen eines Bühnenschadens von Mitte November auf Mitte Jänner zwangsverschobene und mit zwei zusätzlichen Monatsdosen an Erwartung vollgepumpte) Antrittspremiere am Hamburger Schauspielhaus Aufregendes vorgenommen: Die inszenierende neue Intendantin will den Atriden-Mythos mit den Augen von vier Autoren panoramaartig in den Blick nehmen.

Die Rasednen beginnen mit der Opferung Iphigenies im windstillen Hafen von Aulis (Euripides): mit Masken und Kothurnen eine konzentrierte Etüde in historisch informierter Aufführungspraxis. Ehe die Troerinnen (Sartre, nach Euripides) nach Europa verschleppt werden und als Sklavinnen in den Genuss der Zivilisation von Kolonialmächten geraten, lässt ein Konzertstück für Streichorchester und Chor "eine große Stadt ... in gelbem Rauch" versinken. Jörg Gollaschs Komposition, die Vergegenwärtigung des Trojanischen Krieges aus und mit dem Geist der Musik, ist der sehr frühe Glanzpunkt des Abends, der hier auch das Maß setzt - für alles Folgende.

Die zwei Köche

Der zentrale Agamemnon (Aischylos) rückt die angenehme Seite des Krieges in den Blick. Klytaimnestra (Maria Schrader trägt den Abend) hat gleich zwei Köche bei sich und adelt das Warten zum immerwährenden Gelage. Die korrumpierte öffentliche Meinung sitzt am Katzentisch und mampft munter mit. Dass der tätowierte Kriegsheimkehrer Agamemnon hier stört und flugs gemeuchelt wird - wen wundert's.

Als Hofmannsthals Elektra erinnert schließlich eine vor Hass und Abscheu vibrierende Birgit Minichmayr noch einmal daran, wie unversöhnlich blutig dieser Ernst ist. Jetzt wäre es an den Wohlgesinnten, Rechts- und Seelenfrieden zu stiften. Aber ach, so kurz vor Mitternacht ist leider nur noch Zeit für Albernheiten. (Oswald Demattia aus Hamburg, DER STANDARD, 20.1.2014)

  • Angelika Richter (als Helena) und York Dippe (als Menelaos). 
    foto: epa/markusüscholz

    Angelika Richter (als Helena) und York Dippe (als Menelaos). 

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