Die "Zweierbosniaken" im "Bollwerk deutscher Cultur"

20. Jänner 2014, 05:30
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Ab 1891 wurden bosnische Soldaten ins Innere der Monarchie versetzt - Regiment Nr. 2 stand in Graz

Und sagt nicht von denen, die auf dem Weg Allahs getötet wurden, sie seien tot. Sie sind vielmehr lebendig, aber ihr merkt es nicht." Der Koranvers steht in bosnischer Sprache auf dem Gedenkstein für die "tapferen Bosniaken, die im Ersten Weltkrieg das gemeinsame österreichische Vaterland" verteidigten. Das Denkmal befindet sich auf dem Soldatenfriedhof in Lebring bei Graz, gleich neben der A2, die Richtung Südosteuropa führt.

Hier sind 1233 Soldaten begraben, davon 805 "Bosniaken", wie man damals alle bosnischen Soldaten nannte. In Graz war das zweite bosnische Regiment untergebracht, die Soldaten hießen deshalb "Zweierbosniaken", obwohl sie mehrheitlich Serben waren und aus dem Raum Banja Luka kamen. Sie waren in der Kaserne in der Grenadiergasse stationiert. Der Marsch "Die Bosniaken kommen" von Eduard Wagnes wurde für sie komponiert.

Deutschnationale Hochburg

Doch Graz war ein Zentrum des Deutschnationalismus, und das bosnische Regiment war bei diesen Nationalisten alles andere als willkommen. Im Jahr 1885 erklärte Bürgermeister Ferdinand Portugall die Wahrung des Charakters von Graz als einer "durch und durch deutschen Stadt" zu seiner Zielsetzung. Er werde deshalb "jede nationale Wühlerei fremder Elemente" hintanzuhalten wissen, damit Graz "ein Hort der deutschen Art und Sitte bleibe", das "südöstlichste Bollwerk deutscher Cultur", zitiert die Historikerin Heidemarie Uhl.

Das bosnische Regiment wurde am 27. November 1897 gegen nationalistische Demonstranten eingesetzt, die gegen eine Sprachenverordnung protestierten, die die Gleichstellung des Tschechischen vorsah. Die Demonstranten griffen die bosnischen Soldaten in der Murgasse mit Steinen an. Die Soldaten begannen zu schießen. Mindestens ein Demonstrant wurde getötet. "Bei den Bosniaken waren ein Großteil der Offiziere und 30 Mann durch Steine verletzt worden und mussten in das Garnisonsspital eingeliefert werden", schreibt Uhl. In den Wochen danach folgten zahlreiche Übergriffe gegen die bosnischen Soldaten. Die Angelegenheit wurde monatelang in den Medien diskutiert.

Dabei wurden die "schwarz-gelben muslimischen Soldaten" heftig kritisiert und der Grazer Stadtrat bedauerte aufrichtig, dass "Ausländer" da waren, schreibt der bosnische Historiker Zijad Sehic. In der österreichischen Delegation verlangte man sogar, dass die bosnischen Truppen die Monarchie verlassen sollten. "Bald fühlten sich die deutschen, tschechischen und ungarischen Nationalisten so, als ob sie unter einer ausländischen Okkupation wären, und griffen die ,neuen Kosaken' an", so Sehic. (awö, DER STANDARD, 20.1.2014)

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