EU-Außenminister beschließen Einsatz in Zentralafrika

19. Jänner 2014, 18:04
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Schwierige Suche nach Stabilität: Neue Gewalt vor Entscheidung über Zentralafrika-Einsatz der Europäischen Union

Bangui/Brüssel/Wien – Es soll – wieder einmal – ein Tag der Entscheidung sein, für die Zentralafrikanische Republik: Während in der Hauptstadt Bangui am Montag das neue Staatsoberhaupt des Landes gewählt werden sollte, wollen die EU-Außenminister in Brüssel den Einsatz einer rund tausend Soldaten starken Truppe beschließen. Schon am Wochenende war bekannt geworden, dass sich neben Frankreich auch Deutschland an der Aktion beteiligen will – mit dem Lufttransport von Soldaten und mit Material.

Zuvor hatte die Uno am Freitagabend gewarnt, es gebe im Land noch immer "alle Elemente der Gewalt", wie sie zu einem Völkermord führen könnte. Am Wochenende starben bei einem Überfall auf einen Flüchtlingskonvoi mindestens 23 Menschen, in mehreren Provinzgebieten gab es laut der von afrikanischen Staaten geführten Friedensmission Misca gewaltsame Zusammenstöße.

Dass die grundlegende Krise durch die politischen Entscheidungen in Brüssel und Bangui langfristig gelöst werden kann, glaubt die in Wien tätige Zentralafrika-Forscherin Angela Meyer nicht. Zwar sei eine militärische Antwort auf die Gewalt, etwa die Entsendung französischer und afrikanischer Soldaten, "sicher sinnvoll" , sagt sie zum Standard. Den eigentlichen Gründen der Instabilität könne sie aber nicht wirksam entgegentreten.

Es greife nämlich "viel zu kurz" , nur die Probleme des Jahres 2013 zu betrachten, die im März nach dem Putsch der mehrheitlich muslimischen Séléka-Miliz aufgekommen waren. In Wahrheit habe der Konflikt viel weiterreichende Ursachen: "Der Staat ist noch immer einer der ärmsten der Welt. Es gibt wahnsinnige Unzufriedenheit und kaum funktionierende staatliche Strukturen, um Grundbedürfnisse zu befriedigen."  

Nicht nur religiöser Konflikt 

Die Religion (rund 15 Prozent der Zentralafrikaner sind Muslime, die große Mehrheit Christen) sei vor den jüngsten Unruhen "nie Konfliktthema"  gewesen. Rebellen – auch die Séléka – seien meist eher aus dem Versuch der lokalen Bevölkerung entstanden, durch die Bildung eigener Strukturen den Staat zu ersetzen. "Die politische Macht konzentriert sich auf die Hauptstadt – jenseits von Bangui ist fast nichts" , sagt Meyer. 

Diese Instabilität sei auch hauptsächliche Motivation für die Nachbarstaaten, sich im Rahmen der Misca-Mission mit rund 4500 Soldaten zu engagieren. Es herrsche die Angst, dass der Konflikt auf das eigene Land überschwappen könne – "die meisten Regierungen sind ja selbst sehr instabil" . Vor allem der Tschad, gegen dessen mehr als 1000 Misca-Soldaten jüngst schwere Vorwürfe über Angriffe auf die Bevölkerung laut wurden, verfolge aber zudem seit Jahren eigene strategische und wirtschaftliche Interessen. 

Zwiespältig sei noch immer die Rolle des Westens: 2012 hatte Paris die Bitte des damaligen Präsidenten François Bozizé, seine Herrschaft militärisch gegen die Angriffe der Séléka zu vereidigen, noch abgelehnt – nun ist man doch wieder im Land. Langfristig könne ohnehin nur Entwicklung helfen, sagt Meyer: "Der Staat hat ja Rohstoffe: Gold, Diamanten, Uran. Man müsste endlich eine fairere Verteilung schaffen." (Manuel Escher /DER STANDARD, 20.1.2014)

  • Gegen Tschads Soldaten in Zentralafrika werden immer wieder Misshandlungsvorwürfe laut. 
    foto: reuters / siegfried modola

    Gegen Tschads Soldaten in Zentralafrika werden immer wieder Misshandlungsvorwürfe laut. 

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