Die Kunst, im kritischen Moment nichts zu tun

19. Jänner 2014, 18:02
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Im Wiener Burgtheater diskutierte eine hochkarätige Runde über die europäische Urkatastrophe und die Lehren daraus

"Ein bisschen mehr Nachdenken über Geschichte täte ganz gut", meinte der Historiker Manfried Rauchensteiner am Ende. Anregungen dazu liefert er unter anderem mit seinem mehr als 1200 Seiten starken Werk über den Ersten Weltkrieg. Das Publikum im fast ausverkauften Wiener Burgtheater war aber wohl der falsche Adressat seines Ratschlages. Eineinhalb Stunden lang verfolgte es am Sonntagvormittag mucksmäuschenstill - abgesehen von kurzem Szenenapplaus - das Geschehen auf der Bühne.

Dabei passierte dort eigentlich gar nichts. Bloß dass es der Diskussionsrunde gelang, eine fast schon unheimlich anmutende Präsenz von hundert Jahren Geschichte deutlich zu machen. In der Reihe "Europa im Diskurs", veranstaltet vom STANDARD gemeinsam mit dem Haus am Ring, dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) und der Erste Stiftung, wurde darüber reflektiert, wie 1914 bis heute nachwirkt.

Nach Schuldigen für die Katastrophe von 1914 zu suchen sei nicht zielführend, meinte Rauchensteiner und brachte damit den aktuellen Zugang der Geschichtsforschung auf den Punkt. Es habe viele Kriegsursachen gegeben. Und doch wäre der Krieg vermeidbar gewesen, denn das sogenannte Europäische Konzert, also die Verständigung zwischen den Nationen unter Berücksichtigung der jeweiligen Interessen, habe bis dahin funktioniert. In der Phase, die durch das Attentat von Sarajevo eingeleitet wurde, habe es aber keinen Willen mehr gegeben, den Frieden zu erhalten. In seiner Überzeugung, dass eine friedliche Lösung mit Serbien nicht mehr möglich sei, habe Kaiser Franz Joseph den Krieg "entfesselt" - ohne einen Weltkrieg zu beabsichtigen.

Genau hier sieht der Historiker Timothy Snyder (Yale University, IWM Wien) einen tragischen Punkt. Über Jahrhunderte sei es erfolgreiche Politik der Habsburger gewesen, in kritischen Phasen untätig zu bleiben: "Wenn die Monarchie (nach dem Attentat vom Juni 1914) nichts getan hätte, hätte sie Jahrzehnte weiterbestehen können."

Das "falsche" Opfer

Die bittere Ironie der Geschichte liegt darin, dass ausgerechnet Thronfolger Franz Ferdinand Opfer des Attentats wurde. Er habe, so Rauchensteiner, den Ausgleich mit Russland gesucht, "und ein Krieg mit dessen Verbündetem Serbien wäre deshalb für ihn Irrsinn gewesen".

Was die Drahtzieher des Attentats betrifft, so hat sich die in Frankreich lebende serbische Schiftstellerin und Dramatikerin Biljana Srbljanovic mit ihrer Sichtweise den Zorn vieler Landsleute zugezogen. "Die Mörder Franz Ferdinands waren nicht serbische, sondern jugoslawische Nationalisten", also Anhänger der Idee einer gemeinsamen südslawischen Nation: "Die serbischen Nationalisten haben diese revolutionäre Bewegung benutzt." Für diese Ansicht muss sich Srbljanovic in Serben heute als "Verräterin" beschimpfen lassen. Das Thema Nationalismus und Terrorismus behandelt sie auch in ihrem Stück Princip (Dieses Grab ist mir zu klein), einem Auftragswerk des Wiener Schauspielhauses (nächste Aufführungen 5./6. Februar).

Ob obsolet oder nicht - die Schuldfrage beschäftigt naturgemäß die Familie der Habsburger, die heute noch rund 500 Mitglieder zählt. Eduard Habsburg-Lothringen, Medienberater und Autor, ist als Kommunikationschef des Clans auch diesbezüglich gefordert. Sind die Habsburger schuld am Ersten Weltkrieg? Diese bohrende Frage seiner Tochter nach einer Geschichtestunde beantwortete der Urururenkel Kaiser Franz Josephs nach eigener Erzählung ganz pragmatisch, quasi nach Art des Hauses: "Es ist sehr kompliziert."

Noch bevor STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid in der Schlussrunde die Frage nach den Lehren aus 1914 stellte, war in der Runde der Nationalismus als Angelpunkt identifiziert - wenn auch mit unterschiedlichen Gewichtungen. Für Srbljanovic macht es die Tragödie der multinationalen europäischen Gesellschaft aus, dass sie sich noch nicht vom Nationalismus emanzipiert hat: "Solange es den Begriff der Nation gibt, wird es keinen Frieden geben." Statt des Eisernen Vorhangs bis 1989 gebe es jetzt einen Stacheldraht zwischen Europa einerseits und Menschen und Staaten, die hereinwollten - Stichworte afrikanischen Migranten und Türkei.

Habsburg-Lothringen ist da schon optimistischer: "Wir sind in der Phase, wo wir anfangen, den Nationalismus zu überwinden. Jede Minute, die in die europäische Idee investiert wird, ist eine gute Investition." Rauchensteiner wiederum sieht in Überlegungen, die EU in eine Nord- und eine Südzone zu teilen, bedenkliche Parallelen zum österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867, der das Reich in Hälften geteilt und den Unmut der benachteiligten Nationen geschürt habe.

Für Snyder ist derzeit die Ukraine der Ort einer Konfrontation mit weitreichenden Konsequenzen: zwischen der für die meisten Ukrainer attraktiven "soft power" EU (mit den Lehren von 1914) und Russland als "hard power" alter nationalstaatlicher Prägung. Und Rauchensteiner stellt, mit Blick auf die "weiche Macht" EU und ihre Haltung gegenüber Kiew, "eine gewisse Austrifizierung Europas" fest. Ob er dies - im Sinne des erwähnten Nichtstuns - gut oder schlecht findet, lässt er offen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 20.1.2014)

Die Aufzeichnung der Diskussion sendet W24 am 27. Jänner um 22.50 Uhr

  • Europa im Diskurs zum Thema 1. Weltkrieg: Highlights der Veranstaltung im Burgtheater.

  • Teil 1

  • Teil 2

  • Teil 3

  • Spannendes Bühnengeschehen der nachdenklichen Art: Das Publikum im Burgtheater war sicht- und hörbar gefesselt.
    foto: matthias cremer

    Spannendes Bühnengeschehen der nachdenklichen Art: Das Publikum im Burgtheater war sicht- und hörbar gefesselt.

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