Miss Marple vom Bodensee

Ansichtssache19. Jänner 2014, 18:05
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foto: orf/ard/peter hollenbach

Alle Welt redet momentan von 1914, des Gedenkens wegen. Der "Tatort" aus Konstanz, ohnehin nicht eben für seine Fortschrittlichkeit bekannt, ist über dieses Ziel noch ein bisschen hinausgeschossen. Und wartet in "Todesspiel" mit einer Geschichte auf, die eher aus dem Fin de Siècle zu stammen scheint.

Ein Millionenerbe wird ermordet in seiner Villa aufgefunden. Übrig bleibt ein Freundeskreis, wie man ihn sich auch in einer Schnitzler-Novelle gut vorstellen könnte: eine promiske, reich verheiratete Boutiquenbesitzerin, ein erfolgloser, standhaft Hut tragender Musiker und ein Whiskey saufender Spekulant, alle um die Dreißig.

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foto: orf/ard/peter hollenbach

Man trinkt Champagner, spielt russisches Roulette und steht auf Yachten herum. Koks ist ohnehin obligatorisch. Das Mordopfer griff im Bett gerne zu Handschellen, vor seiner Handykamera drückte er Zigaretten in der Hand seiner Freunde aus.

Als wäre sie die Miss Marple vom Bodensee, schaukelt durch diesen dekadenten Sündenpfuhl die milde lächelnde Klara Blum. Während ihre Assistentin bei der Sichtung des Videomaterials vom Handy des Opfers ganz pikiert ist ob all der "Perversität", hat Klara Blum für die zügellosen jungen Leute nur einen warmen Augenaufschlag übrig. Sie ist die mütterliche Kommissarin, die doch nur helfen will ("Aber Sie müssen mir die Wahrheit sagen") und das beschauliche Konstanz von der Plage der verdorbenen, reichen Brut befreit.

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Es gibt einen bezeichnenden Moment in dieser Geschichte. Assistentin Beck durchsucht da die Geschenksackerln, die Kommissar Perlmann aus dem Urlaub mitgebracht hat. Sie will wissen, ob es mehr gibt als öde Schneekugeln. Aber mehr ist einfach nicht drin. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 20.1.2014)

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foto: orf/ard/peter hollenbach

"Sonderbar, dass der 'Tatort' bei all der gezeigten Prasserei und Prahlerei so glanzlos bleibt. Man weidet sich an der Verderbtheit der Figuren, will sich dem Spaß dann aber doch nicht hingeben. Die reine Bigotterie. Der alte Perlmann-Witz flammt nur ganz kurz auf, um dann in öffentlich-rechtlicher Freudlosigkeit zu verglimmen", zeigt sich Christian Buß auf spiegel.de wenig begeistert.

Auch Holger Gertz kann in der "Süddeutschen Zeitung" dem Fall nichts abgewinnen: "... die Dialoge wirken wie in Zeitlupe gesprochen. Und unterwegs präsentiert Frau Blum tatsächlich die Frage aller Fragen, den all-time classic des deutschen Kriminalfilmwesens, mit allerbesten Grüßen aus dem Stehsatz des Fernsehmuseums: "Hatte er Feinde?".

Wie hat Ihnen diese Folge gefallen? Top oder Flop? (red, derStandard.at, 19.1.2014)

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