Agonie in der islamischen Welt

Kommentar19. Jänner 2014, 17:34
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Die politisch-ökonomische Krise von Libyen bis Bangladesch hat geopolitische Brisanz

Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind die großen geopolitischen Trends der Gegenwart in aller Munde - der Aufstieg Chinas, die Krise Europas oder die Zukunft der USA. Aber ein Phänomen, das täglich die Schlagzeilen füllt, wird in seinen globalen Auswirkungen viel zu wenig beachtet: der politische und wirtschaftliche Niedergang der islamischen Welt.

Von Libyen bis nach Pakistan reicht der Bogen von Staaten, die in Gewalt, Repression oder Bürgerkrieg versinken und dadurch auch wirtschaftlich immer weiter zurückfallen. Die historischen arabischen Kernländer Syrien und Irak sind auf dem Weg zu "failed states", die auch Nachbarländer wie den Libanon in den Abgrund ziehen; politische Stabilität in Ägypten bleibt auch nach dem Verfassungsreferendum eine vage Hoffnung.

Galt die Türkei vor einigen Jahren noch als demokratisches und marktwirtschaftliches Vorbild für andere islamische Staaten, so gerät es jetzt selbst ins despotische Fahrwasser. Und ob der Iran tatsächlich einen neuen Weg einschlagen kann, der seinen Bürgern ein besseres Leben ermöglicht, bleibt offen. Bloß das immer schon privilegierte Tunesien bietet etwas Grund für Optimismus.

Zweigeteiltes Afrika

Der Bogen der Agonie spannt sich noch weiter bis Bangladesch und dehnt sich auch in Afrika aus, wo die positiven Beispiele für politische Vernunft und Wachstum auf die nichtislamischen Länder südlich der Sahara beschränkt sind - mit Südsudan als erschreckende Ausnahme.

Islam als Religion trägt an diesen Entwicklungen selbst keine Schuld, er bildet aber das Biotop, in dem Radikalität, Sektarismus und Repression florieren und Ideen sich rasch ausbreiten. Deshalb sind auch erfolgreiche islamische Staaten wie Indonesien und Malaysia gegen das jihadistische Virus nicht immun. Und auch in Indien könnte sich nach einem hindu-nationalistischen Wahlsieg der Konflikt mit der riesigen muslimischen Minderheit zur größten Herausforderung entwickeln.

Der Verfall einer ganzen Weltregion mit mehr als einer Milliarde Menschen hat schon viel früher begonnen - der Arab Human Development Report von 2002 warf ein grelles Licht auf dessen kulturelle und soziale Ursachen - und hat sich seit Ausbruch des Arabischen Frühlings vor drei Jahren beschleunigt. Der Aufstand der urbanen Mittelschicht gegen wirtschaftliche Trostlosigkeit hat deren Lebenschancen nur noch weiter verdüstert.

Herausforderung für Europa

Was hier zwischen Europa, Afrika und Asien geschieht, berührt den Rest der Welt auf unterschiedliche Weise. Vor allem Europa ist der Gefahr einer unkontrollierbaren Migration von außen und der Radikalisierung im Inneren ausgesetzt. Da Abschottung unmöglich ist, müssen Wege gefunden werden, die Entfremdung der eigenen muslimischen Bürger zu stoppen. In Russland verstärkt die Gewalt im muslimischen Kaukasus die autoritären Tendenzen in Moskau und schwächt so die ohnehin bedrängte Zivilgesellschaft. Auch für China ist der Aufruhr an seiner islamischen Peripherie ein wachsendes Problem.

Die USA sind am wenigsten betroffen, auch weil dank Schiefergas und -öl ihre Abhängigkeit von der Golfregion sinkt. Dies dürfte die isolationistischen Tendenzen in der US-Politik nur weiter verschärfen. Auch wenn viele den Rückzug der einzigen Ordnungs- und Supermacht aus der Region begrüßen - den Zerfallsprozess wird dies nur weiter beschleunigen. (Eric Frey, derStandard.at, 19.1.2014)

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