Nach Sperma-Tausch sucht Utah weitere Betroffene

19. Jänner 2014, 17:16
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Verstorbener Angestellter eines US-Fruchtbarkeitlabors zeugte möglicherweise zahlreiche Kinder

Salt Lake City - Wenn bei Annie Branum in nächster Zeit das Telefon klingelt, könnte es ihre Halbschwester sein, die sie vor zwei Wochen noch nicht kannte. In einigen Monaten könnte die Zahl ihrer zuvor völlig unbekannten Geschwister dann auf drei, fünf, acht oder noch mehr angewachsen sein. Sie dürften alle zwischen 19 und 28 Jahren alt sein und würden alle Branums DNA teilen - und denselben Vater.

Thomas Lippert heißt der Mann, dessen Arbeit als Angestellter eines US-Labors für künstliche Befruchtung nun immer weitere Kreise zieht. Familie Branum fürchtet, dass er Dutzenden oder gar Hunderten Paaren heimlich sein Sperma unterschob - und so eine Großfamilie zeugte, deren Geschwister bis heute in den USA oder in anderen Teilen der Welt leben, ohne sich zu kennen. Doch da Lippert tot und die Befruchtungs-Praxis RMTI geschlossen ist, könnte die möglicherweise riesige Patchwork-Familie für immer ein ungeklärter Fall bleiben.

"Das hier wird einen Schneeballeffekt auslösen", sagt Pam Branum, die nach einem Gentest zufällig das erste Teil des Lippert-Puzzles entdeckte. Nach mehreren DNA-Untersuchungen fand sie heraus, dass nicht ihr Mann John der Vater ihrer heute 21 Jahre alte Tochter Annie ist, sondern Lippert.

Nun hofft sie, dass all diejenigen sich melden und testen lassen, die zu Lipperts Zeit als Laborant künstlich am RMTI gezeugt wurden. Ihre Sorge: Unbekannten Verwandte könnten sich sonst begegnen, verlieben und Nachwuchs zeugen. "Einen Halbgeschwisterteil zu heiraten, wäre verheerend", sagt sie zu dem Inzest-Problem.

Labor wurde geschlossen

Doch die Suche nach Lipperts Kindern wirft mehr Fragen auf als Antworten. Eine Sprecherin der Universität Utah, dem Auftraggeber des heute geschlossenen Labors, kann weder klären, wie lang Lippert für das RMTI arbeitete, noch erläutern, warum es geschlossen wurde. Die notwendigen Akten seien verloren. "Die Erinnerung wird im Lauf der Zeit getrübt", sagt sie der dpa. "Es gibt nur noch eine Handvoll Menschen, die sehr vage Erinnerungen haben."

Noch verwunderlicher scheint, dass Lippert den Job überhaupt bekam, nachdem er wegen eines Kidnappings im Jahr 1974 zwei Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Zuverlässigkeitsüberprüfungen habe es bis Mitte oder Ende der 1990er-Jahre nicht gegeben, so die Sprecherin. Und während die Universität Branum erklärte, Lipperts Samenspender-Nummer müsse aus Datenschutzgründen unter Verschluss bleiben, wurde seiner Witwe Jean Lippert gesagt, solch eine Nummer gebe es gar nicht. Ihr gegenüber hatte Lippert aber beteuert, eingetragener Spender zu sein.

Baby-Fotos als Trophäen

Deshalb verwunderte es die Witwe auch nicht, dass er ein Baby-Foto in seiner Geldbörse hatte und das Kind darauf stets als seinen Sohn bezeichnete - andernfalls wäre sein genealogisches Geheimnis womöglich früher aufgefallen. Baby-Fotos, die frisch gebackene Eltern aus Dank für ihren endlich erfüllten Kinderwunsch in seine Praxis brachten, klebte er wie Trophäen über seinen Schreibtisch. "Es war seine Angeber-Tafel", erinnert sich Branum an die Foto-Collage.

Was trieb den 1999 verstorbenen Alkoholiker, dessen Foto aus High-School-Zeiten nun durch die US-Medien geistert? "Ich glaube, es war Absicht", sagt Jean Lippert. "Wenn er es einmal getan hat, hat er es wohl mehrmals getan." Die Universität steht mit zwei Familien in Kontakt, die auch betroffen sein könnten. Pam Branum will selbst weiter nach Stiefkindern suchen. Eine Frau habe sich bereits bei ihr gemeldet und will ihre DNA nun ebenfalls unter die Lupe nehmen lassen. Branum sagt über die Frau: "Sie sieht aus wie meine Tochter." (dpa, derStandard.at, 19.1.2014)

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