Die Potenz eines nackten Dachbodens

17. Jänner 2014, 19:06
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Pause bis März im Schillerplatz-Prozess. Der Gutachter soll errechnen, wie viele Millionen die Telekom beim Verkauf liegengelassen hat

Wien - Hat die Telekom Austria (TA) 2006 simple 4443 Quadratmeter Fläche in ihrem Wählamtgebäude auf dem Wiener Schillerplatz verkauft oder doch "ein Projekt" in einem Gründerzeitpalais mit außergewöhnlichem Ertragspotenzial? Um diese Frage kreisten die Fragen von Richterin Claudia Moravec-Loidolt und der Verteidiger der vier Angeklagten im Schillerplatz-Verfahren am fünften Verhandlungstag.

Ex-Telekom-Chef Heinz Sundt und Ex-Finanzchef Stefano Colombo betonten unermüdlich, es sei selbstverständlich "kein Immobilienentwicklungsprojekt" gewesen, sondern schlicht ein paar nicht betriebsnotwendige Immobilien in einem schlechten Bauzustand. Bei einem Preis gut vier Millionen Euro über Buchwert könne keineswegs von miserablen Konditionen oder gar Untreue gesprochen werden.

Die Staatsanwaltschaft verweist auf den Verkehrswert, der 2006 jenseits der 9,8 Mio. Euro gelegen sei, gemessen am Verkaufspreis für Seeste seien der TA mindestens 4,4 Mio. Euro entgangen.

"Gutes Geschäft"

Ex-Bahnchef Martin Huber, gelernter Immobilienentwickler, der die Liegenschaft Ende 2007 gemeinsam mit seiner Ehefrau um 10,9 Millionen Euro an Seeste Bau weiterverkaufte, blieb bei seiner Aussage: Es war ein "gutes Geschäft", das allerdings viele Risiken in sich geborgen habe.

Auch in stundenlangen Befragungen, in denen Gerichtssachverständiger Roland Popp und das vom ihm angewandte Bewertungsverfahren nach allen Regeln der Kunst "gegrillt" wurden, gelang es nicht, Einvernehmen über die "Potenz" des zum Verkaufszeitpunkt im Mai 2006 baubehördlich so gut wie bewilligten dreigeschoßigen Dachausbaus herzustellen. Popp wollte, von den Anwälten und ihren hochkarätigen Immobilienexperten anfangs aggressiv, dann zunehmend resignierend befragt, von seiner Berechnungsmethode nicht abrücken: Die Möglichkeit zum Dachbodenausbau sei entscheidend für den Verkehrswert, und der habe beim Verkaufsabschluss im Dezember 2006 kaum mehr gewackelt. Wohl auch dank des von Huber beauftragten Architekturbüros Wimmer, das mit Gemeinde Wien und Denkmalamt in bestem Einvernehmen stand.

Blank und frei

Auf keinen grünen Zweig gekommen - die Verteidiger verwiesen stets auf den viel niedrigeren Nutzwert - und wohl auch, um letzte Zweifel auszuräumen, beauftragte der Schöffensenat rund um Richterin Moravec-Loidolt den Gutachter am Nachmittag mit einem Ergänzungsgutachten. In diesem solle Popp darlegen, was der nackte Dachboden samt darunter liegenden Stockwerken wert gewesen wäre. "Blank, also ohne Entwicklungsprojekt" für Luxuswohnungen mit Concierge-Dienst, wie sie Seeste beim Weiterverkauf 2010 an betuchte Wohnungseigentümer veräußerte.

Zuvor hatten die Verteidiger das Beweisverfahren überraschend als "spruchreif" befunden und ihren Antrag auf einen zweiten Sachverständigen zurückgezogen. Gut möglich, dass sie darauf spekulierten, mit einem schnellen Ende die von Staatsanwalt Michael Radasztics beantragten weiteren Zeugen zu vereiteln.

Der Senat genehmigte die Vernehmung des Leiters der Revision der Telekom, Christopher Schneck ebenso wie jene von Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer, der für Hubers Schillerplatz 4 Projektentwicklungsgesellschaft (SP4) die Verträge mit der Telekom gemacht hat. Ob er von Hubers von seiner Verschwiegenheitspflicht entbunden wird, bleibt abzuwarten. Schneck hatte dem Gericht vor zwei Tagen seine persönlichen Notizen übergeben und von ihnen erwartet man sich Informationen über TA-Prokuristen Wolfgang F., der als Leiter Einkauf und Immobilien von Sundt und Co zur Schlüsselfigur des Schillerplatz-Verkaufs stilisiert wurde. F. kann keine Auskunft geben, er ist seit einem Herzinfarkt Ende 2007 nicht vernehmungs- und verhandlungsfähig.

Des Revisors Notizbuch

Aufschlussreich könnte des Revisors Notizbuch auch in einem anderen Punkt sein: Laut internem Korruptionsprüfbericht der TA, hatte Sundt nach seinem Ausscheiden doch Kontakt in die TA: Er erbat 2008 - das erste staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren war bereits in Gang - via E-Mail von seinem damaligen Pressechef Informationen. Ein Spaß wird der Prozess am 4. März wohl nicht, das ist der Faschingsdienstag. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 18.1.2014)

  • Ex-Telekom-Chef Heinz Sundt wollte Etagen im Hauptwählamt Schillerplatz loswerden, und Ex-Bahn-Chef Martin Huber (rechts) witterte ein gutes Geschäft. So trafen sich Interessen - abseits des Golfplatzes.
    foto: apa/neubauer

    Ex-Telekom-Chef Heinz Sundt wollte Etagen im Hauptwählamt Schillerplatz loswerden, und Ex-Bahn-Chef Martin Huber (rechts) witterte ein gutes Geschäft. So trafen sich Interessen - abseits des Golfplatzes.

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