Im Teufelskreis des Vertrauensverlustes

Kommentar der anderen17. Jänner 2014, 18:58
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Nationalistische Konflikte, wachsende Ungleichheit, Führungsschwäche in der Politik und der Klimawandel: All das bedroht die globale Prosperität

Vor einhundert Jahren stürzten Europa und die Welt ins Chaos. Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur Leid und Zerstörung in unbekanntem Ausmaß, er beendete auch eine außerordentliche Phase der Globalisierung, angetrieben von imperialen Ambitionen und technologischen Innovationen.

Heute liegen Konflikte von Syrien bis ins Südchinesische Meer scheinbar in weiter Ferne, Europa ist vorerst gerettet, der Dax jagt den nächsten Rekordstand, und Güter aus aller Welt wurden rechtzei- tig zum Weihnachtsfest geliefert. Doch auch heute gilt: Enge ökonomische, politische und soziale Verflechtungen sind allein kein Garant für Wohlstand und Frieden.

Fast 100 Jahre hat es gebraucht, bis die Weltwirtschaft sich wieder so stark vernetzt hat wie vor 1914. Der Historiker Neil Ferguson warnt, dass die aktuelle Globalisierungswelle ähnliche Schwachstellen hat wie damals: eine überlastete Großmacht, wachsende geopolitische Rivalitäten, ein instabiles Allianzsystem und "Schurkenstaaten", die Angst und Terror streuen.

Oxford-Professorin Margaret MacMillan vergleicht die Rivalität zwischen Deutschland und England zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der zwischen China und Amerika heute: Handel und Investitionen zwischen den Großmächten haben sich seit den frühen Achtzigerjahren potenziert. Gleichzeitig jedoch wachsen Misstrauen und Provokationen wie Chinas Flugverbotszone im Ostchinesischen Meer, das Eindringen amerikanischer Kampfflugzeuge in diese oder der Besuch des Yasukuni-Kriegsschreins durch Japans Premierminister Shinto Abe.

Doch geopolitische Spannungen sind nicht der einzige Anlass zur Sorge. Wachsende Ungleichheit, schwindendes Vertrauen in Manager und Politiker, die Zerstörung der Umwelt und gesellschaftliche Konsequenzen technologischen Fortschritts führen ebenfalls zu Instabilität.

In den USA sind seit 2009 95 Prozent aller Einkommenszuwächse dem obersten Prozent der Vermögenden zugeflossen. Zudem schafft es heute dort nur noch eines von 20 Kindern aus den unteren zwanzig Prozent der Einkommensverteilung bis ganz an die Spitze. Auch Europa kämpft mit wachsender Einkommens- und Chancenungleichheit als Folge von Wirtschaftskrise und Sparpolitik.

Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben der Welt enorme Wachstumsraten beschert. In Ländern wie Indien und China konnten sich Millionen Menschen aus der Armut befreien. Mehr als die Hälfte des globalen Wachstums wird heute in Asien, Lateinamerika und Afrika produziert. Dennoch, wenn Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und Unsicherheit weiter zunehmen, wächst die Gefahr, dass die gesellschaftliche Zustimmung für eine offene und liberale Wirtschaftspolitik schwindet. Barack Obama hat recht, wenn er Ungleichheit und fehlende Aufstiegschancen als zentrale Herausforderung unserer Zeit definiert.

Doch sind Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik willens und fähig, eine widerstandsfähigere und gerechtere Wirtschaftsordnung zu schaffen? Für den Nobelpreisträger und vormaligen Chefökonomen der Weltbank Joseph Stiglitz ist die Antwort klar: Ungleichheit ist nicht Schicksal, sondern Entscheidung. Die Welt, so Stiglitz, ist nicht nur in Arm und Reich unterteilt, sondern in solche Nationen, die Ungleichheit aktiv bekämpfen, und jene, die es nicht tun. Südkorea, wo noch vor einem halben Jahrhundert nur ein Zehntel der Bevölkerung über einen Schulabschluss verfügte, hat heute eine der weltweit höchsten Raten an Hochschulabsolventen.

Für Moises Naim vom Carnegie Endowment for International Peace ist die Lage komplexer: Infolge von Globalisierung und technologischem Wandel sinkt die Fähigkeit von Entscheidungsträgern, die Geschicke von Ländern und Leuten effektiv zu lenken. Macht, argumentiert Naim, ist heute zwar leichter zu erlangen, aber auch schwerer einzusetzen und vor allem flüchtiger: Blitzartig über soziale Netzwerke organisierte Proteste in Ländern wie Chile, Brasilien und der Türkei definieren politische Machtgrenzen neu. Global gibt es ausreichend Macht, um Fortschritt in zentralen Klima- und Handelsfragen zu blockieren - jedoch nicht genug Macht, sie zu lösen. Und Firmenlenker halten sich kürzer an der Spitze als noch vor zwanzig Jahren.

Ob mangelnder Wille oder begrenzte Handlungsfähigkeit: Das Vertrauen in unsere Führungseliten ist in alarmierender Weise erodiert. Laut Francis Fukuyama kann dies schnell zu einem Teufelskreis führen: Immer komplexere Kontrollmechanismen schränken die Handlungsfähigkeit politischer Entscheidungsträger ein und mindern das Vertrauen in politische Lösungen. Die Wiederherstellung von Vertrauen in Politiker und Institutionen muss daher als dritte große Herausforderung gelten. Dies erfordert neue Ansätze politischer Mitbestimmung und effektive Wege, Macht zu kontrollieren, ohne Reformen zu blockieren.

Globale Mittelschicht wächst

Eine weitere Herausforderung sind die traditionell vernachlässigten Bereiche Umwelt und die Interessen zukünftiger Generationen. Trotz wachsender Ungleichheit leben viele Menschen heute besser, gesünder und länger als noch Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2030, so eine Studie des US National Intelligence Council, könnte die globale Mittelschicht von einer auf drei Milliarden Menschen anwachsen. Die Umwelt- und Klimakosten dieser Entwicklung sind schon heute immens - und laufen Gefahr sie langfristig zu gefährden.

Eine schwächelnde Weltwirtschaft bindet Ressourcen und erschwert damit ein entschiedenes und langfristiges Handeln in der Klimapolitik. Arvind Subramanian vom Institut für internationale Wirtschaft fordert daher einen vorwärtsgewandten Klimadialog, in dem aufstrebende Wirtschaftsnationen wie Indien und China eine Führungsrolle einnehmen.

In wenigen Tagen tritt zum 44. Mal in Davos das Weltwirtschaftsforum genau dort zusammen, wo Thomas Mann seine Arbeit am Zauberberg begann, aber 1914 wegen des Krieges unterbrechen musste. Geopolitische Verschiebungen, wachsende Ungleichheit, Vertrauen in wirtschaftliche und politische Institutionen, nachhaltige Entwicklung und technologischer Wandel sind die Kernthemen. Ziel wird es sein, in den Herausforderungen von heute Prioritäten, Risiken und Chancen für morgen zu erkennen. Denn eines ist sicher: Wer es nicht wagt, in die Zukunft zu blicken, wird an ihrer Gestaltung nicht teilhaben. (Sebastian Buckup, DER STANDARD, 18.1.2014)

Sebastian Buckup ist Programmdirektor des Weltwirtschaftsforums (WEF)

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