Wie es anfängt

17. Jänner 2014, 18:13
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Leerer Kinosaal. Der Filmregisseur Ruzowitzky. Eine Interviewerin

INTERVIEWERIN: Herr Ruzowitzky, sieben Jahre nach Die Fälscher widmen Sie sich wieder der Zeit des Nationalsozialismus. Ihr Film Das radikal Böse geht nahe. Sie nützen Ruhm und Ansehen eines Oscar-Preisträgers für einen aufklärenden Film?

RUZOWITZKY: Ich wollte einen Film über das "Böse" machen. Die Massenerschießungen der Deutschen und Österreicher im Zweiten Weltkrieg sind auch der vergessene Teil des Holocaust. Als ich diese Berichte über Erschießungen las, musste ich mich fast übergeben. Man denkt, was für außerirdische Monstren müssen das sein, die so etwas tun. Wenn man die Gesichter dazu sieht, erkennt man: Vielleicht waren das gar keine Aliens, sondern genau solche pickeligen Burschen. Das ist kein abgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte. Es geht auch um uns heute.

INTERVIEWERIN: Glauben Sie, dass so etwas wieder geschehen kann?

RUZOWITZKY: Es kann sehr schnell gehen. Als mein Kollege Dieter Berner zur Zeit der schwarz-blauen Regierung einen Preis bekam und in seiner Rede eine kritische Bemerkung über die Regierung machte, gab es im Publikum betont wenig Applaus. Ich dachte damals, so fängt es an.

INTERVIEWERIN: Denken Sie, Das radikal Böse könnte, wie vor sieben Jahren Die Fälscher, mit dem Oscar prämiert werden?

RUZOWITZKY: Ich denke, jede andere Entscheidung wäre der Anfang einer nie da gewesenen Menschheitskatastrophe, eines Blutbads von ungeahntem Ausmaß.

(Vorhang)

Material: "Um Mitleid geht es nie" - Interview mit Stefan Ruzowitzky, Profil 2/2014

(Antonio Fian, DER STANDARD, 18./19.1.2014)

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