René Burri: "Haltung ist wichtiger als Stil"

Interview17. Jänner 2014, 17:37
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Der 81-jährige Schweizer Fotograf gewährt in der Wiener Galerie Ostlicht bis 15. März Einblicke in sein "Doppelleben"

Wien - Nur selten ist René Burri ohne Leica unterwegs. Auch bei seinem Wien-Besuch anlässlich seiner Ausstellung Doppelleben in der Galerie Ostlicht baumelt eine vor seiner Brust. Bekommen hat sie der 81-jährige Weltbürger mit Schweizer Wurzeln, als er im Vorjahr mit dem Leica Hall of Fame Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Burri, seit mehr als einem halben Jahrhundert Mitglied der weltberühmten Fotoagentur Magnum, hat mit seinen aufsehenerregenden Fotoreportagen Weltpolitik und Alltagsgeschichten miterzählt. Architektur, Nobelgegenden, Armenviertel, Könige, Bettler, Landschaftsidyllen, Krisenregionen, Künstler, Politiker, Prominente, Passanten - er fotografierte, wie und was ihn interessierte: "Ein Hansdampf, ein Burri in allen Gassen", wie er augenzwinkernd sagt.

STANDARD: Wie sehen Sie sich: als Fotokünstler oder Fotoreporter?

Burri: Auf alle Fälle als Suchenden. Ich war ein neugierig Suchender, um mich zu finden. Ich hatte ja verschiedene Veranlagungen, wollte Schauspieler werden, Film hat mich interessiert, aber Hollywood war weit weg. Also entschied ich mich für die Fotoschule und lernte zwei Jahre das Handwerk. Ich denke oft, hätte ich nicht die Kamera ergriffen, wäre ich vielleicht zu einem Übeltäter, einem Kriminellen geworden.

STANDARD: Warum?

Burri: Wie Don Quijote und Sancho Panza gegen die Windmühlen kämpften, konnte ich mich mit dieser kleinen Kamera, die ich als drittes Auge benutze, gegen den Ablauf der Zeit wehren. Fotografie ist das einzige Medium, das im Bruchteil einer Sekunde die Zeit anhalten kann.

STANDARD: Picasso oder Che Guevara, Künstler oder Politiker: Wen haben Sie lieber fotografiert?

Burri: Alle. Aber Politiker - das war natürlich ein gefährliches Parkett. Sie wollten uns ja alle zu Mitgefangenen und Mitgehangenen machen. Es war immer wichtig, Distanz zu wahren.

STANDARD: Hofften Sie, mit Ihren Fotos die Welt zu verbessern?

Burri: Die Hoffnung hatte ich, ja. 1955, ganz am Beginn meiner Karriere, wurde ich in die Tschechoslowakei geschickt, das war schon eine harte Schule. Kurze Zeit später schickte man mich zur Suez-Krise. Da wurde ich fast von ein paar jungen Radikalen umgebracht: Wegen meiner Kamera und des Tropenhelms dachten sie, sie hätten einen englischen Spion geschnappt. Aber ich bin nachher sehr oft nach Ägypten zurück. Es war mir der liebste Ort, hier habe ich meine Feuertaufe erlebt.

STANDARD: Gibt es so etwas wie einen Burri-Stil?

Burri: Haltung ist wichtiger als Stil! Lange Jahre konnte man den Burri nicht festlegen, ich habe wie ein Hase immer wieder Haken geschlagen, andere Spuren verfolgt. Aber wenn ich jetzt mein Gesamtwerk sortiere, die Spreu vom Weizen trenne, dann kann ich sagen: Der Burri hat das schon draufgehabt. Ohne mich mit Picasso vergleichen zu wollen, den ich für den größten Maler halte: Auch er hatte viele Stile, und doch kennt man ihn wieder.

STANDARD: Wie kam die Farbe in Ihr Leben?

Burri: Eigentlich ungewollt. Ich war damals im Schwarz-Weiß-Saft des Fotojournalismus, als plötzlich alle Magazine bunt wurden. Inspiriert von Ricardo Güiraldes' Roman Don Segundo Sombra bot ich einem Magazin eine Reportage über das Leben der Gauchos an. Die schickten mich nach Argentinien und sagten: "Burri, bring Farbe mit!" Als ich in der Pampa gelandet bin, war das Gras so grün und der Himmel so blau, die Fotos wurden immer abstrakter. Mit Schwarz-Weiß-Fotos war man hingegen dem Grafischen näher.

STANDARD: Farbe hieß: mit dem Fotoapparat malen?

Burri: Ernst Haas, meinen guten Freund bei Magnum, nannte ich immer den Paganini des Kodachromes. Er ging mit der Farbfotografie zunehmend in die Abstraktion. Das wollte ich nicht, ich will nicht mit der Kamera malen, sondern mich, wie in Schwarz-Weiß, ausdrücken.

STANDARD: "Die Zeit" schreibt, Sie zückten die Kamera so schnell wie ein Westernheld die Pistole. Was muss passieren, damit Sie abdrücken?

Burri: Lassen Sie mich quer antworten: Als Kind verbrachte ich viel Zeit auf dem Bauernhof meiner Eltern und fing Fliegen, oft mehrere auf einen Streich. Es half mir später, schnell zu reagieren, wenn ich etwas Interessantes sah. Anders als Cartier Bresson, der den entscheidenden Moment wie einen Orgasmus hinauszögerte.

STANDARD: Haben Sie nie Fotos inszeniert?

Burri: Als Fotograf muss man zwischen Arrangement und Diebstahl seinen Weg finden.

STANDARD: Wie haben Sie den ihren gefunden?

Burri: Indem ich mir manchmal auf die Finger geklopft und gesagt habe: Burri, das nicht! Ich war oft bei Königen und Prinzessinnen, aber ich habe mich immer auf die Seite der Zu-Kurz-Gekommenen gestellt.

STANDARD: Digitalkameras verleiten zum Knipsen. Haben Sie je geknipst oder immer fotografiert?

Burri: Jetzt knipse ich, ich benütze die Digitalkameras wie ein Notizbuch. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 18./19.1.2014)

René Burri (81) Der in Zürich geborene Fotojournalist schoss sein erstes Promi-Foto - Winston Churchill - mit 13 Jahren. Seine umfangreiche Sammlung bisher weitgehend unveröffentlichter Farbfotografien aus aller Welt hat Burri im Bildband "Impossible Reminiscences" (240 Seiten, April 2013, Phaidon-Verlag, 65,95 Euro) publiziert.

Links
Cremers Photoblog: Ein paar Minuten mit dem Fotografen René Burri

Newalds Photoblog: René Burri im Ostlicht

  • "Ich bin ein Weltbürger mit Schweizer Wurzeln": René Burri, mit der Kamera angeblich so schnell wie ein Cowboy mit der Pistole. 
Weitere Fotos vom Gespräch mit René Burri auf Cremers Photoblog.
    foto: foto: matthias cremer

    "Ich bin ein Weltbürger mit Schweizer Wurzeln": René Burri, mit der Kamera angeblich so schnell wie ein Cowboy mit der Pistole. 

    Weitere Fotos vom Gespräch mit René Burri auf Cremers Photoblog.

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