Die Reise vom Wurfkreis in den Eiskanal

17. Jänner 2014, 18:29
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In loser Folge stellt der Standard österreichische Olympiasportler vor, die in der Öffentlichkeit nicht so präsent sind wie Skifahrer und -springer. Den Anfang macht Bobpilotin Christina Hengster

Innsbruck/Wien - Am 4. Februar feiert Christina Hengster ihren 28. Geburtstag. Nach Sotschi fliegt die Tirolerin aus Axams bei Innsbruck auch an diesem Tag, schließlich gibt es schon vor der Eröffnung der Winterspiele am 7. Februar die Gelegenheit, im olympischen Eiskanal zu trainieren. Und Hengster hat Aufholbedarf. "Wir haben im Sommer gut gearbeitet und unsere Startzeiten verbessert", sagt sie, "aber die Arbeit ist bis jetzt nicht aufgegangen auf dem Eis. Schwer zu sagen, warum das so ist."

Vor Sotschi stehen noch zwei Weltcuprennen an, diesen Sonntag jenes auf der Heim-Bahn in Innsbruck-Igls, am nächsten Wochenende jenes in Königssee. Die heurige Saison verlief für das Team Hengster durchwachsen, das beste Ergebnis war ein zwölfter Platz. "Wir haben noch Potenzial", sagt die Pilotin. Wir, das ist das Team, welches aus Hengster, sechs Anschieberinnen und den Betreuern des österreichischen Bob- und Skeletonverbandes (ÖBSV) besteht.

Zufällig Pilotin

Sechs Anschieberinnen? "Ich frag immer wieder Mädels, ob sie dabei sein wollen. So groß ist die Auswahl ja nicht. Dann trainieren wir und machen eine Rangliste. Wenn mir im Winter eine ausfällt, habe ich ja keine Zeit, eine neue Anschieberin auszubilden." Für die heurige Saison hat die 23-jährige Viola Kleiser das Rennen gemacht, eine Studentin aus Wien.

Seit 2002 ist der Zweierbob der Damen olympisch. In diesem Zusammenhang erzählt Hengster von den alten Zeiten, von einem Fünferbob, zu dessen Besatzung obligatorisch eine Frau zu zählen hatte. Aber die bediente nicht die Lenkseile, sondern diente eher als Aufputz mittendrin.

Und wie kam Hengster auf die Idee, Pilotin zu werden? "Reiner Zufall. Ich war Leichtathletin, und eine Pilotin hat mich gefragt, ob ich mitfahren will. Drei Jahre war ich Anschieberin, dann hab ich Lust bekommen, selber zu fahren." Hengster, einst zigfache Tiroler Meisterin im Hammerwerfen, raste rasch zu Erfolgen, schaffte es 2012 in Igls als Dritte aufs Weltcuppodest und wurde in der gleichen Saison ebendort Junioren-Weltmeisterin. Im Bobsport gilt man bis 26 als Junior. Was daran liegt, dass man diesen Sport in jungen Jahren nicht betreiben kann, "schließlich muss man mit einem 170 Kilogramm schweren Gerät umgehen".

Freizeit und Budget

Das Gerät, ein Eigenbaubob, wird vom ehemaligen Olympiateilnehmer Wolfgang Stampfer bearbeitet. Im Kompetenzzentrum Schlittensport in Innsbruck, das der ÖBSV gemeinsam mit dem Rodelverband betreibt. "Bobsport ist viel Arbeit", sagt Hengster. Und er kostet viel Geld, vor allem die Weltcuprennen in Übersee belasten das Budget. Dieses wird von Sponsoren, vom Verband und der Sporthilfe finanziert. Neben der Sportkarriere absolvierte Hengster in Innsbruck das Studium der Rechtswissenschaften. Sie ist aber noch nicht als Juristin tätig, weil sich das neben der Bobfahrerei niemals ausgehen würde, sondern Polizeischülerin in Innsbruck. Für den Sport bekommt sie frei. "Und im Sommer gehe ich auf Streife."

Jetzt freut sich Hengster auf ihr erstes olympisches Abenteuer. "Als Sportlerin hast du immer das große Ziel, ganz vorne zu stehen", sagt sie prinzipiell. Was Sotschi betreffe, wäre es aber vermessen, mit einer Medaille zu spekulieren. "Im Bob gibt es keine Überraschungen, es werden jene vorne sein, die auch im Weltcup vorne sind." Und das sind US-Amerikanerinnen, Kanadierinnen, Deutsche oder Russinnen. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 18./19.01.2014)

  • Christina Hengster ist gegenwärtig Österreichs einzige Bobpilotin, die im Weltcup unterwegs ist. Abgesehen davon hat die Tirolerin ein Jusstudium absolviert und geht sommers auf Streife.
    foto: apa/parigger

    Christina Hengster ist gegenwärtig Österreichs einzige Bobpilotin, die im Weltcup unterwegs ist. Abgesehen davon hat die Tirolerin ein Jusstudium absolviert und geht sommers auf Streife.

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