Inszenierungen, Tabubruch und die Selbstverantwortung

Interview17. Jänner 2014, 17:12
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Leadership-Beraterin Susanna Wieseneder über Privatheit, die gern politisch "inszeniert" wird und warum das ein guter Baustein auf dem Weg zum Sowohl-als-Auch ist

STANDARD: Politiker haben zunehmend das Bedürfnis, ihre familiäre Ader zu präsentieren. Warum?

Wieseneder: Wenn Themen in dieser Form groß werden, geht es immer um das Berühren eines Nervs bei den Wählern. Politische Arbeit will inszeniert werden. Nach der Darstellung als "gesund und fit" ist jetzt die familiäre Privatheit dran, sie wird jetzt vor den Karren gespannt. Das vermittelt Authentizität, vermittelt den Eindruck, dass Politiker sich als "ganze Menschen" zeigen. Aber: Es ist Inszenierung. Die kommt auch an, wenn nicht überzogen wird.

STANDARD: Also bloß Blendung?

Wieseneder: Nein. Inszenierung ist ja das Geschäft der Politik. Aber: Ob es sich nur um hohle Inszenierung oder auch um inneres Anliegen handelt, wird zunehmend schnell entlarvt. Ich sehe dieses Herzeigen der Work-Life-Balance allerdings schon als Baustein eines Tabubruchs, es geht in Richtung sowohl-als-auch statt entweder-oder.

STANDARD: Das ist aber in Spitzenjobs, ob Politik oder Wirtschaft, Illusion...

Wieseneder: Alles zu jedem Zeitpunkt at it's best haben zu können stimmt natürlich nicht und ist als Vorgabe sogar gefährlich: wer kann das schon schaffen? Aber natürlich gibt es sowohl Karriere als auch privates Glück, Familie. Es hat nur seinen Preis. Finanziell und-oder emotional.

STANDARD: Warum inszenieren Wirtschaftsbosse ihren wunderbaren Spagat Job-Privat nicht?

Wieseneder: Die haben andere Bühnen. Analysten interessiert nicht die Fähigkeit zum Familienglück. Intern und bei Kunden ist Work-Life-Balance aber natürlich ein Thema. Die Wahrheit ist ja meist, dass alles "durchgemanaged" ist.

STANDARD: Grundsätzlich: Ist Work-Life-Balance nicht doch ein Schmäh, vielleicht sogar ein neoliberaler Imperativ zum Erhalt der Leistungsfähigkeit? Offenbar schaffen es die wenigsten – siehe Zunahme der Erschöpfungssyndrome und psychischen Krankheiten...

Wieseneder: Da möchte ich die Verantwortung verteilen: Was ein Unternehmen leisten kann und soll ist das Angebot von institutionalisierten Balance-Mechanismen. Die letzte Meile ist aber die Selbstverantwortung.

STANDARD: Heißt die Leute sind selber schuld?

Wieseneder: Es geht doch nicht um Schuld! Sondern um die Einsicht und um das Bewusstsein, dass ein Leben in ständigem Komparativ mit anderen unter Optimierungsimperativ  nicht ohne Konsequenzen lebbar ist. Da bin ich wieder beim Preis. Mit der selbstverständlichen Forderung der Jungen nach Ausgleich im Leben, mit diesem Widerstand gegen reine Arbeitsidentität,  bin ich mir aber ziemlich sicher, dass Work-Life-Balance bald nicht mehr besprochen werden muss, sondern Normalität wird. (Karin Bauer, DER STANDARD, 17.1.2014)

Susanna Wieseneder berät nach einer Konzernkarriere seit zehn Jahren Führungskräfte als Personal Councelor. 

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    foto: privat

    "Inszenierung ist ja das Geschäft der Politik. Ich sehe dieses Herzeigen der Work-Life-Balance allerdings schon als Baustein eines Tabubruchs, es geht in Richtung sowohl-als-auch statt entweder-oder", sagt Leadership-Beraterin Susanna Wieseneder.

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