"Hartnäckige Hodgkin-Lymphome"

Interview20. Jänner 2014, 09:37
posten

95 Prozent aller Hodgkin-Lymphome sind heilbar, fünf Prozent nicht - Der niederländische Hämatologe Anton Hagenbeek über neue Therapien mit Antikörpern

Die Wissenschaft richtet die Aufmerksamkeit auf fortgeschrittene Hodgkin -Lymphome, vor allem weil die Erkrankung mehrheitlich junge Menschen betrifft, weiß der niederländische Hämatologe Anton Hagenbeek von der Universität Amsterdam. 

derStandard.at: Das Hodgkin-Lymphon ist eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems. Womit müssen Patienten, denen Ärzte diese Diagnose stellen, rechnen?

Hagenbeek: Es kommt ganz darauf an, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist. 90 bis 95 Prozent aller Patienten können geheilt werden, das ist die gute Nachricht. Sie werden dem Stadium I und II zugerechnet und können mit relativ wenigen Chemotherapie-Zyklen behandelt werden, oft ist nicht einmal mehr eine Bestrahlung notwendig und wenn dann in einem sehr limitierten Bereich. Es gelingt uns auch immer besser, die Fertilität unserer Patienten zu erhalten.

derStandard.at: Was ist mit Stadium III und IV?

Hagenbeek: Das sind jene fünf bis zehn Prozent, die nach der Behandlung einen Rückfall erleiden, Rezidiv ist der Fachterminus oder bei denen die Erkrankung schon sehr weit fortschritten ist. Dieser Gruppe gilt, wissenschaftlich betrachtet, derzeit unsere ganze Aufmerksamkeit, vor allem deshalb, weil es sich mehrheitlich meist um junge Menschen handelt.

derStandard.at: Können Sie über genetische Marker Vorhersagen treffen, welche Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit nach der ersten Behandlung einen Rückfall erleiden werden?

Hagenbeek: Leider nein, im Gegensatz zu vielen anderen Krebserkrankungen ist das bei Hodgkin-Lymphomen nicht möglich. Wir wissen aber, dass die Heilungschancen vom Ausmaß der befallenen Lymphknoten abhängt. Je mehr Lymphknoten im Körper von der Krebserkrankung betroffen sind, umso höher das spätere Rückfallrisiko.

derStandard.at: Gehen wir vom schlechtesten Fall, also einem Rückfall aus, der bei fünf bis zehn Prozent der Hodgkin-Patienten auftritt. Wie wird behandelt?

Hagenbeek: Gehen wir einen Schritt zurück: Morbus Hodgkin wird mit einer Chemotherapie behandelt. Davon gibt es verschiedene, in unserem Fall ist die Ersttherapie mit Adriamycin, Bleomycin, Vinblastin und Dacarbazin – die sogenannte ABVD-Schema –  einer der derzeitigen Standards. Bei hartnäckigen Hodgkin-Lymphomen verändern wir den Medikamentencocktail und wenden zum Beispiel die DHAP-Chemotherapie an. Diese Abkürzung steht für Dihydroxyacetonphosphat.

derStandard.at: Was verspricht man sich von diesem Cocktailwechsel?

Hagenbeek: Die Idee ist, die Krebszellen durch diese neue Chemotherapie zu überraschen. Wenn sie nicht auf DHAP reagieren, dann ist eine Stammzellentransplantation mit eigenen Blutstammzellen der nächste Schritt der Behandlungsoptionen. Wirklich neu ist aber die Idee,  die DHAP-Chemotherapie mit einem Antikörper-Wirkstoffkonjugat zu kombinieren.

derStandard.at: Was ist ein Antikörper-Wirkstoffkonjugat?

Hagenbeek: Ein Medikament, das in den biologischen Zyklus eingreifen kann. Es lässt sich mit einem Trojanischen Pferd vergleichen. Der Wirkstoff schleicht sich mit einem biochemischen Trick in die Zellen ein und zerstört maligne Zellen von innen heraus. Wir beforschen derzeit sehr intensiv, wie wir diesen Wirkstoff namens Brentuximab Vedotin einsetzen.

derStandard.at: Um welche Studien geht es?

Hagenbeek: Es laufen eine Reihe von Studien. In der Transplant-BRaVe-Studie wird untersucht, inwieweit der Einsatz von Brentuximab Vedotin zusätzlich zur DHAP-Chemotherapie bei Hochrisiko-Lymphomen Sinn macht. Zum Beispiel auch nach einer Stammzellentransplantation. In der AETHERA-Studie  wird das Antikörper-Wirkstoffkonjugat  als Erhaltungstherapie untersucht. Ende 2014 werden erste Ergebnisse erwartet.

derStandard.at: Es gab aber doch auch schon Probleme mit diesem Wirkstoff?

Hagenbeek: Ja, ganz am Anfang. Da haben wir Brentuximab vedotin zusammen mit der ABVD-Chemotherapie eingesetzt und festgestellt, dass es oft zu Lungenproblemen kam. Die ECHELON-Studie hat gezeigt, dass der Wirkstoff Bleomycin in der Chemotherapie in Kombination mit dem Antikörper der Auslöser war. Wir haben die Chemotherapie modifiziert und Bleomycin weggelassen.

derStandard.at: Welche anderen Fragestellungen gibt es aktuell noch?

Hagenbeek: Interessant in der Transplant-BRaVe-Studie ist auch die Frage,  ob es Sinn macht, mehr Hodgkinpatienten als bisher zu transplantieren. Derzeit entscheiden wir uns nur bei sehr hartnäckigen Hodgkin-Lymphomen für diesen Therapieweg. Im Fokus haben wir Patienten, die eine DHAP-Therapie in Kombination mit Brentuximab Vedotin erhalten. Wir wollen wissen, ob die Remission, also das rückfallfreie Leben, dadurch begünstigt wird.

derStandard.at: Welche Nebenwirkungen hat Brentuximab Vedotin?

Hagenbeek: Sobald das Medikament die Hodgkin-Zelle zerstört, werden toxische Substanzen freigesetzt. Es sind so genannte Spindelgifte, die sich als neurologische Beeinträchtigungen manifestieren. Das äußert sich in Kribbeln an Händen und Füßen, mitunter können es auch Taubheitsgefühle sein. Knapp die Hälfte der mit Brentuximab vedotin behandelten Patienten sind davon betroffen. Es kann Monate dauern, bis sie wieder vergehen. Hier wird intensiv geforscht. Außer dieser Neuropathien wird auch extreme Müdigkeit, das Fatigue-Syndrom, beobachtet. 37 Prozent spürt das Medikament als Beeinträchtigung in den Atmungsorganen.

derStandard.at: Werden diese Nebenwirkungen behandelt?

Hagenbeek: Nein, wir warten bis sie wieder vergehen. Ihnen steht die positive Wirkung des Medikaments bei schweren Fällen von Hodgkin-Lymphomen gegenüber. Insgesamt ist dieses neue Medikament eine wirkliche Neuerung in der Behandlung von Morbus Hodgkin. Ganz allgemein geht es in der Behandlung heute darum, Heilungsraten nach oben zu schrauben und Toxizität zu reduzieren. Das betrifft die Chemotherapie, aber auch die Bestrahlung befallener Lymphknoten. Wir wollen auch die Behandlung der hartnäckigen Formen von Hodgkin-Lymphome verbessern. Nach Jahren der Stagnation herrscht nun Aufbruchsstimmung. (Karin Pollack, derStandard.at, 17.1.2014)

Anton Hagenbeek  ist Leiter der Abteilung für Hämatologie im Academic Medical Center der Universität Amsterdam. Er gilt als einer der führenden Forscher für Hodgkin-Lymphome.

  • "Heilungsraten nach oben schrauben und Toxizität zu reduzieren"
    foto: academic medical center amsterdam

    "Heilungsraten nach oben schrauben und Toxizität zu reduzieren"

Share if you care.