Fisser Blochziehen: Zerren an Zirben ist welterblich

20. Jänner 2014, 16:30
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Das Fisser Blochziehen in Tirol gefällt nun auch der Unesco - und Tausenden, die das nur alle vier Jahre zu sehen bekommen

Schaffen sie's, oder schaffen sie's nicht? In einer Atmosphäre von Anfeuerungsrufen, Glockerlklingeln und Blasmusik richten sich die Augen Tausender auf die engen Gassen des Tiroler Dorfes Fiss. Eine gewaltige Zirbe, 35 Meter lang und mit bunten Bändern geschmückt, wurde auf mehrere Schlitten gebunden. Nun soll der Baum bewegt werden, mühsam, Meter um Meter, mitunter auch nur Zentimeter um Zentimeter.

Es ist schon wieder eine Weile her, dass das Fisser Blochziehen so viele Menschen - manche von weither - in das Dorf hoch über dem Oberinntal gelockt hat. Nur alle vier Jahre wird einer der ältesten Faschingsbräuche Tirols und des Alpenraumes praktiziert. Einige Volkskundler glauben, dass dieser Brauch des Blochziehens in Fiss bereits aus den Zeiten der antiken Räter herrühre. Archaisch, jedenfalls urtümlich mutet das an, was sich in diesen Stunden vor den Augen der Besucher abspielt.

Geadeltes Bewegen des Blochs

Der erste Eindruck am Mittag, als das Spektakel beginnt: unmöglich. Das kann niemand schaffen. 60 Männer mit Holzmasken - Frauen dürfen bei derlei archaischem Tirolertum ja nie mitmachen - werden den Bloch gleich in Bewegung setzen wollen. Bauern und Holzfäller, Hexen und Teufel, sie alle warten mit der Menge auf das erlösende Signal zum Start: den Ruf des Fuhrmanns. Im Jahr 2014 unter geänderten Rahmenbedingungen: 2011 wurde das Fisser Blochziehen von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe geadelt. Heuer wird eine Tiroler Zirbe auf kleinen Schlitten also erstmals welterblich bewegt.

Die "Schallner" mit ihren großen Glocken am Gürtel mischen sich unter die Leute, und der "Bajatzl" - der Figur des Bajazzos im Karneval von Venedig vergleichbar - hüpft im rot-gelben Gewand in die Menge. Mal tanzt er auf der Straße, mal hoch über den Menschen. Zuerst schallt nur sein Lachen aus irgendeiner Dachluke, dann springt er bereits von Dach zu Dach, von First zu First, macht kurz einen Handstand auf einem Rauchfang und bewirft die Menge von oben mit Schnee.

Endlich das ersehnte Signal: "Hü!", ruft der Fuhrmann. Die Schwerarbeit kann beginnen. Immerhin wiegt der Bloch rund sechs Tonnen, und diese Masse soll nun auf zwei oder drei kleinen Schlitten durch Fiss gezogen werden. Als uraltes Jahreszeitenfest, als erster Kampf des Frühlings gegen den Winter wird dieses Blochziehen gedeutet.

Den Winter vertreiben

Der Zirbenbaum, schon vor Monaten im Angesicht von Fernsehkameras gefällt, lässt sich als gigantischer Pflug deuten, der den Boden aufbricht, damit die neue Saat ausgebracht werden kann. Der Winter, heute die wichtigste Wirtschaftsgrundlage dieses Dorfes wie auch der anderen hier oben auf dem Plateau, soll bekämpft werden - was besonders absurd erscheint in einem Jahr, in dem diese Jahreszeit noch nicht einmal richtig angekommen ist.

Warum es gerade eine Zirbe ist, die dem Winter den Garaus machen soll, wissen die Menschen hier sehr genau. Die Zirbe, sagen sie, sei der Baum mit der stärksten Widerstandskraft. Sie wachse in alpinen Höhenlagen, in der kein anderer Baum mehr überleben kann, trotze selbst dem rauesten Klima, vertrage arktische Temperaturen und werde in manchen Fällen bis zu 1000 Jahre alt. Doch manchmal erweist sich der Winter aller Symbolik zum Trotz als stärker und widersteht dem Lärmen und Mühen. Es hat schon Jahre gegeben, da waren die Kufen der Schlitten, die den Bloch trugen, am Boden festgefroren. Diesmal soll es leichter gehen.

Meter um Meter rückt der Riesenbaum weiter. Die Zuschauer feuern die Larventräger bei ihrer schweißtreibenden Arbeit an, die "Schallner" übertrumpfen mit dem Klang ihrer Riesenglocken sogar die Blasmusik. Andere Männer, die Figuren der Hexen in ihrem Häuschen, das im Geäst des Blochs bedenklich hin und her schwankt, kreischen. Und der "Schwoaftuifl", der Schwanzteufel als Symbol des gegen die Niederlage kämpfenden Winters, versucht mit einem langen Seil ans Ende des Baumes gebunden, den Bloch aufzuhalten.

Tatkräftige Unterstützung durch Hexen

Die Hexen wollen ihn mit Geschrei und fuchtelnden Besen tatkräftig dabei unterstützen. Es ist kein Vorwärtskommen mehr. Der Zug bleibt stehen, die Larventräger lupfen diskret ihre hölzernen Masken und wischen sich den Schweiß ab. Verstärkung muss her. Und keiner ist so stark wie ein Bär. Also fangen jetzt Jäger einen Bären ein. Er wird vor den Bloch gespannt, dessen Stammende mit einem Mondgesicht bemalt ist.

Es geht weiter, wieder nur ein Stück, denn die Steigung der Straße gebietet allem Bemühen Einhalt. Wer kann da noch helfen? Jetzt muss der "Miasmann" her - der Moosmann, eine Art wilde Herkules-Gestalt. Das Einfangen dieses "Wilden Mannes" beginnt mit der Rede eines "Schallners" , der erzählt, wer der "Miasmann" überhaupt ist: ein großer, wilder Mann aus alter, grauer Vorzeit, im Moos und Wasser hier im Walde aufgewachsen, zehnmal stärker als der stärkste Bursch im Dorf.

Aber er werde gut gefangen gehalten, "auf dass er nicht kann zu eich gelangen, sonst könnt es eich kosten manchen Kopf und mancher Jungfer ihren Zopf." Zusammen mit dem Bären in Ketten an die Deichsel gespannt soll er helfen, den Bloch ans Ziel zu bringen. Doch so einfach ist das nicht.

Profanes Ende eines Streits

Bär und "Miasmann" vertragen sich nicht in diesem Tiroler Dorf. Ihr Streit an der Deichsel kann das ganze Unternehmen gefährden. Bärentreiber und Fuhrmann haben alle Hände voll zu tun, die beiden zu bändigen und das Zerren an der Zirbe einigermaßen in Gang zu halten.

Endlich, endlich ist der Fonnes, der Dorfplatz, erreicht. Doch hier ereilt den Bloch ein recht profanes Schicksal jenseits aller Symbolik. Er wird versteigert, was bis zu 10.000 Euro bringen kann. Das nächste Blochziehen findet am Sonntag, dem 26. Jänner 2014, statt. (Christoph Wendt, Album, DER STANDARD, 18.1.2014)

  • Die sympathische Figur des Bajatzl scheint sich auch über das Zerren an einer Zirbe lustig zu machen. Kein Wunder, wird doch beim Fisser Bloch-ziehen heuer ein Winter vertrieben, der noch kaum angekommen ist.
    foto: fisser blochziehen

    Die sympathische Figur des Bajatzl scheint sich auch über das Zerren an einer Zirbe lustig zu machen. Kein Wunder, wird doch beim Fisser Bloch-ziehen heuer ein Winter vertrieben, der noch kaum angekommen ist.

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