Die Versuchung des Malers Bosch

17. Jänner 2014, 18:02
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Der rätselhafte Kosmos des Hieronymus Bosch fasziniert bis heute. Nur 20 Gemälde gelten als gesichert, die Nachfrage bedienen Nachahmer

Gemessen an dem damals geläufigen Motivkanon, der sich in der Spätgotik und der frühen Renaissance am Realismus und der Anmut orientierte, tanzte Hieronymus Bosch völlig aus der Reihe. Der um 1450 im niederländischen Herzogenbusch als Jheronimus van Aken Geborene gelangte über seine charakteristisch von seltsamen Kreaturen, Hybridwesen aus Mensch und Tier sowie Dämonen und bizarren Gestalten bevölkerten Werke zu Berühmtheit. In seinen Bildwelten tummeln sich Dinge, die bis dahin kein menschliches Auge erblickt hat, belebte Folterwerkzeuge etwa, die die armen Seelen der Verdammten in alle Ewigkeit quälen und strafen.

Es war das erste und vielleicht das einzige Mal, schrieb der Kunsthistoriker Ernst Gombrich, "dass es einem Künstler gelang, die Ausgeburten einer gequälten Fantasie, die die Menschen im Mittelalter ängstigten, konkret und anschaulich darzustellen".

Aus gegenwärtiger Sicht mag man Analogien zum modernen Surrealismus erkennen und daraus einen Einfluss ableiten, den Salvador Dalí jedoch vehement zurückwies: Boschs Monster seien ein "Produkt des nebelverhangenen Nordens und der schrecklichen Verdauungsstörungen des Mittelalters". André Breton bezeichnete Bosch dagegen als den vollkommenen Visionär, dessen OEuvre die Grundlagen der Malkunst infrage stellen würde. Der Faszination dieser rätselhaften Ikonografie, dieser beeindruckenden Alb- und Tagträume konnten sich jedenfalls weder seine Auftraggeber noch nachfolgende Künstlerjahrgänge entziehen, auch wenn er teils als Outlaw, Ketzer oder Geheimbündler missinterpretiert wurde.

Mehr Kopien als Originale

Letztlich wurden seine Gemälde so häufig kopiert und imitiert, dass die Zahl der Kopien jene der eigenhändigen Werke um mehr als das Zehnfache übersteigt. Und das spiegelt sich auch auf dem Kunstmarkt, der allfällige Nachfrage ausschließlich über Arbeiten von Nachfolgern bedienen kann, die seine Werke bisweilen deutlich später und in unterschiedlichen Größen reproduzierten. Teils wurden auch nur Detailmotive übernommen, wie das Beispiel der Versuchung des heiligen Antonius belegt: Im Jänner 2013 wechselte eine knapp 80 mal 113 cm große Version eines Nachahmers bei Christie's (New York) für umgerechnet 670.660 Euro den Besitzer. Ein stattlicher Wert, der wohl auch der prominenten Provenienz geschuldet war, gehörte doch Victor Hugo zu den Vorbesitzern. Zwei Monate später erzielte eine kleinere, vielfigurige Variante aus dem 17. Jahrhundert bei Koller in Zürich umgerechnet knapp 133.000 Euro.

Das Original des um 1502 ausgeführten Triptychons befindet sich seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Portugal (seit 1913 in Lissabon, Museu Nacional de Arte Antiga). Insgesamt gelten überhaupt nur 20 Gemälde (und acht Zeichnungen) als gesicherte Bosch-Werke, von denen allein fünf der Prado (Madrid) sein Eigen nennen darf, der Rest ist weltweit verstreut. Im Vorfeld des 500. Todesjahres 2016 erschien im Taschen-Verlag vor kurzem ein imposantes Werkverzeichnis, das das den aktuellen Stand der Forschung inkludiert.

Denn im Zuge von Vorbereitungen einer Ausstellung in Rotterdam 2001, hatten Experten die als Bildträger verwendeten Eichentafeln dendrochronologisch untersucht. Aufgrund dieser Jahresringanalysen mussten schließlich einige Zuschreibungen revidiert werden.

Autor Stefan Fischer gilt als anerkannter Experte und begleitet den Leser auf informative (nicht belehrende) Weise durch den Bosch'schen Kosmos, der in der Tradition der Drolerien seinen Anfang nahm. Als typisches Taschengroßformat fällt es für Arbeitsbienen zwar in die Kategorie unpraktisch, überzeugt jedoch mit dem begleitenden Potenzial visueller Dimensionen.

Sich in den Finessen dieser teils grotesken Darstellung von Menschlein und Fabelwesen zu verlieren, war bislang Museumskuratoren vorbehalten. Das Begehr jedes angehenden Kunsthistorikers und Bosch-Liebhabers aber, denen der Blick auf Details von diensteifrigem Museumspersonal verwehrt wurde?

Nun, hier ist er: auf die über einen guten Meter ausklappbare Falttafel zum Garten der Lüste (um 1503, Prado), das Jesuskind mit Laufwagen und Windrädchen der im Kunsthistorischen Museum (Wien) verwahrten Kleinen Kreuztragung (1502/10). Oder auf die in der linken Altartafel des Jüngsten Gerichts (um 1506, Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste) vom Himmel rücklings und kopfüber auf die Erde stürzenden Engel in Insektengestalt. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 18./19.1.2014)

  • Das um 1503 ausgeführte Triptychon "Garten der Lüste" (Prado, Madrid) gilt als mit Abstand berühmtestes Werk von Hieronymus Bosch und erzählt auf symbolische Weise von den Vorteilen, aber auch den Gefahren der Ehe. Die Falttafel im Werkverzeichnis misst ausgeklappt einen guten Meter. Linker Innenflügel "Paradies mit der Zuführung Evas"; Mitteltafel "Menschheit vor der Sintflut"; Rechter Innenflügel "Die Hölle".
 
    foto: museo nacional del prado, madrid/taschen

    Das um 1503 ausgeführte Triptychon "Garten der Lüste" (Prado, Madrid) gilt als mit Abstand berühmtestes Werk von Hieronymus Bosch und erzählt auf symbolische Weise von den Vorteilen, aber auch den Gefahren der Ehe. Die Falttafel im Werkverzeichnis misst ausgeklappt einen guten Meter. Linker Innenflügel "Paradies mit der Zuführung Evas"; Mitteltafel "Menschheit vor der Sintflut"; Rechter Innenflügel "Die Hölle".

     

  • Details aus der Mitteltafel des "Gartens der Lüste", der anlässlich der Vermählung Heinrichts III. entstand und zur moralischen Erziehung diente: die Erdbeere steht für Vergänglichkeit, Meerjungfrau und - ritter (im Vordergrund) für wilde Verführung.
    foto: museo nacional del prado, madrid/taschen

    Details aus der Mitteltafel des "Gartens der Lüste", der anlässlich der Vermählung Heinrichts III. entstand und zur moralischen Erziehung diente: die Erdbeere steht für Vergänglichkeit, Meerjungfrau und - ritter (im Vordergrund) für wilde Verführung.

  • Detail aus der Mitteltafel des Triptychons "Das jüngste Gericht" (Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien) spielt auf die Wollust an: Mann auf einem roten Bett liegend, davor kriecht eine Schlange an einer Frau empor, die von einem Teufelsdrachen (mit Kerze in der Hand) gehalten wird. Begleitet von der Musik des Teufels - das blaue Monster, dessen Maul und Nase ein Blasinstrument formen, ist aus der niederländischen Buchmalerei des 14. Jahrhunderts überliefert.
    foto: gemäldegalerie der akademie der bildenden künste / taschen

    Detail aus der Mitteltafel des Triptychons "Das jüngste Gericht" (Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien) spielt auf die Wollust an: Mann auf einem roten Bett liegend, davor kriecht eine Schlange an einer Frau empor, die von einem Teufelsdrachen (mit Kerze in der Hand) gehalten wird. Begleitet von der Musik des Teufels - das blaue Monster, dessen Maul und Nase ein Blasinstrument formen, ist aus der niederländischen Buchmalerei des 14. Jahrhunderts überliefert.

  • Stefan Fischer, "Hieronymus Bosch. Das vollständige Werk". € 99,99 / 276 Seiten, Hardcover. ISBN 976-3-8365-2628-9 (DE), Taschen-Verlag 2013
    foto: museo nacional del prado, madrid/taschen

    Stefan Fischer, "Hieronymus Bosch. Das vollständige Werk". € 99,99 / 276 Seiten, Hardcover. ISBN 976-3-8365-2628-9 (DE), Taschen-Verlag 2013

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