Himmelsschraubenwelten

17. Jänner 2014, 17:49
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"So groß, so klein wie die ganze Welt": Zu Günther Kaips kleinen großen Gedichtwürfen

Man muss sich den Dichter der "Himmelsschraube" als Gaukler vorstellen, der für seine Kunststücke und Tricks nicht mehr als ein paar auf den ersten Blick abgegriffene Wörter zur Verfügung hat. Den "Tag" und den "Wind" führt er im Mund, die "Nacht", das "Kind" und allerlei Farben von "Grün" bis "Blau". Schön und gut, aber welcher Zauber soll aus diesen bis zur Bedeutungslosigkeit verbrauchten Begriffen noch entstehen?

Wie jeder ernstzunehmende Gaukler versteht sich auch der Himmelsschraubendreher Günther Kaip aufs Understatement, um im Nu aus wenigen, vergleichsweise schäbigen Requisiten kleine Welten aufs Papier zu zaubern - allesamt im Modellformat, in Spielzeuggröße und -form, bei näherer Betrachtung jedoch kaum weniger reich und schillernd als die sogenannte Wirklichkeit.

Folgerichtig beginnt sich die Himmelsschraube mit einer Wolke - "so groß, so klein wie die ganze Welt" - auf einem leeren Blatt zu drehen, mit dem entscheidenden Zusatz: "Je nachdem, wie du es hältst."

Eigentlich, so legt es unser Himmelsschraubendreher nahe, ist das leere Blatt die Welt, auf der sich ständig die Proportionen verschieben, die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden und die Gauklerfantasie buchstäblich verrückt spielt. Das klingt zunächst kindlich, vielleicht sogar kindisch, aber mit jedem neu aufs leere Blatt gezauberten Gedicht vertieft sich die durchaus ernsthafte Lehre des Gauklers, besser gesagt: der Lobgesang auf die Gestaltungsmacht der Fantasie.

Mag sein, dass sie uns mit unhaltbaren Illusionen betört, dass sie sich selbst ins Wort fällt und auslöscht, was sie gerade mit einer grandiosen Geste aufs Papier geworfen hat: Stets jedoch beschwört sie die ihr zugrunde liegende janusköpfige Kraft, der sich der Himmelsschraubendreher mit vollkommener Hingabe unterwerfen muss, eher er sie mittels seines schelmischen Worthandwerks wieder einzufangen und in wild vor sich hin sprießende Verse zu bändigen versteht.

Subtil und anarchisch

Wer sich auf eine solche Macht einlässt, verzichtet auf die Illusion der Kontrollierbarkeit, und zwar von Anfang an bis zum heiteren Schluss. Dementsprechend macht der Versegaukler keinen Hehl aus seinem mindestens ebenso unberechenbaren Temperament: Blatt für Blatt wechseln die Stimmungen abrupt zwischen zärtlich und wild, zwischen subtil und anarchisch, zuweilen zwischen kitschig und brachial.

Der Gaukler darf sich das alles erlauben, obwohl oder gerade weil er ein Illusionskünstler der Sprache ist und deshalb mit keiner Zeile ein falsches oder doppeltes Spiel treibt. Das Zaubern mit den Wörtern ist ihm schlicht ein existenzielles Programm, und das schließt ihn kurz mit jenem Poeten namens Günther Kaip, der sich seit Jahr und Tag mit seinen narrativen Miniaturen im Fahrtwind, im Fluss und im Rhythmus der Räume bewegt.

Für den Entwurf einer Welt braucht er keine großen Roman-Gesten - oft genügen ihm zwei, drei Sätze, und vor dem Auge des Lesers errichtet sich ein Gebilde von ebenso fantastischer wie beinahe spürbarer körperlicher Gestalt. Je länger man diesen Zeilen folgt, desto deutlicher hat man den Gaukler als Figur vor Augen, in der Karl Valentin und H. C. Artmann zu einem Wesenskern poetisch-anarchischer Sprachlust verschmelzen.

Atemlos folgen wir der Rastlosigkeit dieses Universums des Eigensinns, werden Zeugen der Verkieselung der Welt, des Fingerwettlaufs, der Winterschneeschrift, der Gladiolenmüdigkeit. Es nimmt uns auf, schüttelt uns durch und entlässt uns am Ende in unsere eigenen verrückten Kopfwelten.

Zusätzliche Antriebsenergie für derlei fantastische Manöver verursachen die Zeichnungen der Künstlerin Angelika Kaufmann. In ihnen finden sich subtile Echos der Kaip'schen Verspieltheit, allerdings beharrt in den skizzenartigen Tableaus jeder Strich auf einer gewissermaßen traumgezeugten Autonomie.

Auch Kaufmann widmet sich dem Körperlichen in all seinen möglichen und unmöglichen Metamorphosen: Ein halbes Auge trifft auf einen wurmstichigen Apfel, Taschenuhren mutieren auf liniertem Papier zu Köpfen, und aus zartem Liniengeflecht wächst unvermutet ein mächtiger karierter Ballon mit herausforderndem Augen-Blick. Am Ende ist überhaupt nicht sicher, ob die Zeichnerin dem Gaukler auf seiner Reise durch den Tag gefolgt ist oder umgekehrt. Das ist aber auch ganz und gar zweitrangig in der Himmelsschraubenwelt, in der ohnehin alles immer Kopf zu stehen scheint. (Helmut Neundlinger, Album, DER STANDARD, 18./19.1.2014)

Günther Kaip, "wenn du an deiner himmelsschraube drehst". Illustrationen von Angelika Kaufmann. € 19,80 / 98 Seiten. Mitter Verlag, Wels 2013

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