Unfassbar dröge Routinen

17. Jänner 2014, 17:51
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Der letzte Roman des US-Schriftstellers David Foster Wallace (1962-2008) "Der bleiche König" blieb unvollendet: Er handelt vom beschädigten Leben

Büroalltag im I.R.S., einer Außenstelle der US-Steuerbehörde in Peoria, einer Kleinstadt im Mittleren Westen, und zentraler Handlungsort von David Foster Wallaces Der bleiche König: Lane Dean Jr. sitzt an seinem Schreibtisch und überprüft Steuererklärungen. Er gehört zu jenen Mitarbeitern, die zur Monotonie ihrer Tätigkeit inneren Widerstand herausgebildet haben. Die Zeit will nicht vergehen, jeder Blick auf die Wanduhr macht es ihm von neuem gewiss. Als die Qual beinahe unerträglich zu werden droht, nähert sich Lane Dean Jr.s Arbeitsplatz ein ihm unbekannter Mann mit Stirnlampe und beginnt über die Herkunft des Wortes "bore", über Langeweile, zu räsonieren.

Das Kapitel 33 von Wallaces unvollendetem, in den USA bereits 2011, also drei Jahre nach seinem Freitod erschienenen Roman schildert genau genommen die Begegnung mit einem Gespenst. Es handelt sich um eines von zwei Phantomen ehemaliger Kollegen - einer starb auf seinem Bürosessel, was tagelang keiner bemerkte -, welches Steuerprüfer des I.R.S. besonders dann heimsucht, wenn sie in ihrer Konzentrationsfähigkeit an Grenzen stoßen. In ihrer Ausrichtung einer der charakteristisch abgründigen Gags, die man von Wallace kennt, vergegenständlicht die Episode ein zentrales Motiv des Buches: Langeweile. Und zwar nicht im profanen Sinn, sondern als Daseinsverfassung.

In Unendlicher Spaß, Wallaces erstem Großroman von 1996, ging es noch um ein zur Kenntlichkeit entstelltes Staatengefüge, in dem sich die Personen in Vergnügungssucht und medialen Betäubungen verlieren. Der bleiche König - erneut mit viel Feingefühl und Sorgfalt von Ulrich Blumenbach ins Deutsche übertragen - scheint nun mehr an den Defekten einer Gesellschaft (beziehungsweise eines Staatswesens) interessiert, in der sich der Bürgersinn in Wiederholungen, Routinen und Stumpfsinn abzunutzen und zu verlieren droht.

Die Langeweile, darauf will das Buch hinaus, ist in der postindustriellen Gesellschaft kein Zufallsprodukt, sondern ein Grundzustand, den wir mit Konsum bekämpfen: Anstatt subversive Gedanken zu wälzen, versuchen wir uns mit unserer Brieftasche und Symbolpolitik voneinander zu unterscheiden, wie Wallace in einem dialogisch angelegten Kapitel satirisch ausführt. In einem weiteren wird Bürokratie als keine wild gewachsene Struktur beschrieben, sondern als ein nach Plan aufgeforsteter Datendschungel. Und der ist nur dazu da, beim Benutzer grenzenlose Trägheit und Desinteresse auszulösen.

Wie schreibt man jedoch einfallsreich über Langeweile, ohne damit selbst zu langweilen? Wie schon Unendlicher Spaß oder Kurze Interviews mit fiesen Männern ist Der bleiche König kein chronologisch voranschreitender Roman, sondern ein in eine Vielzahl an Subgeschichten fragmentiertes Ganzes, das durch seine Unabgeschlossenheit noch disparater wirkt. Die offene Form meistert Wallace jedoch mit großer Wendigkeit. Stilistisch abwechslungsreich, aber weniger maßlos als in Unendlicher Spaß, stimmt er seinen Stil mit den jeweiligen Erfordernissen der Geschichten ab. Aufgehoben sind die Figuren, in deren Biografien sich der Autor mitunter auch weit in die Vergangenheit bewegt, im Umfeld der Steuerbehörde. Diese rückt jedoch erst nach gut der Hälfte des rund 600 Seiten langen Buches allmählich stärker in den Vordergrund.

Kampf gegen Schweißattacken

Natürlich muss Wallace beim Leser aber auch ein Gefühl für diesen Stumpfsinn wecken, wozu er in den Räumlichkeiten des I.R.S. auch ausgiebig Gelegenheit hat. An einem Minikapitel, in dem nur der Vorgang des Umschlagens von Seiten beschrieben wird, mag dies am offensichtlichsten werden. Viel öfter handelt es sich jedoch um szenische Miniaturen aus der Arbeitswelt, in die er die jeweiligen Befindlichkeiten seiner Figuren einschreibt: an Kafka (über dessen Humor Wallace einmal einen luziden Essay geschrieben hat) gemahnende emblematische Szenen, in denen das Subjekt und sein Umfeld zu einem gültigen Bild verschmelzen - wie etwa jene, in denen ein unter Schweißattacken leidender Prüfer bei einer Einschulung einen Anfall abzuwenden versucht.

Eine der Figuren heißt selbst David Wallace, er gibt sich als eine Art Investigativreporter aus, der 1985 in der Steuerbehörde arbeitet und nun Einsichten übermittelt, aus juristischen Gründen in fiktiver Form. Doch solche Anflüge erzählerischer Agenda werden bewusst zunichtegemacht. Der fiktive, von Akne geplagte Wallace wird nicht nur mit einem viel wichtigeren Mitarbeiter verwechselt, er verschwindet letztlich auch von der Oberfläche, wird vom System verschluckt.

Es gibt kaum eine Figur in diesem Roman, die nicht an einem Unglück, einer Unzulänglichkeit, einem unheimlichen Bedürfnis laboriert - ein Junge verfällt beispielsweise der Obsession, jede Stelle seines Körpers mit dem Mund zu berühren; ein anderer beschließt schon als Schüler, sich mit altruistischem Übereifer für andere zu engagieren und wird darüber zur meistgehassten Person seines Umfelds. Im längsten Kapitel des Romans, jenem des "Abschweifungskünstlers" Chris Fogle, wird eine Generationenablöse (mit)erzählt - auf den Vater, der seinen Job nicht infrage stellte, folgt der Sohn, der seinen Beruf einer Epiphanie verdankt.

Was die historische Dimension anbelangt, ist Wallace in Der bleiche König aber schon einen Schritt weiter: Die Steuerbehörde wird zur Zeit des Geschehens evaluiert, Abläufe sollen computerisiert werden, die Institution zukünftig ökonomischen Richtlinien gehorchen. Das Ethos, das ältere Mitarbeiter mit ihrem Job verbinden, wird somit bald vergessen sein. Wallace hatte mit diesem großen, referenzreichen Buch den Umbruch einer Gesellschaft im Blick, in der die sinnstiftenden Erzählungen (des Arbeitslebens) brüchig geworden sind und die Menschen arg verunsichert um sich selbst kreisen. (Dominik Kamalzadeh, Album, DER STANDARD, 18./19.1.2014)

David Foster Wallace, "Der bleiche König". Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach. € 30,90 / 626 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013

  • Auf der Suche nach Momenten der Seligkeit in einem von Monotonie und Wiederholung gekennzeichneten Arbeitsalltag: US-Autor David Foster Wallace, der sich am 12. September 2008 das Leben nahm.
    foto: foto: kiepenheuer & witsch

    Auf der Suche nach Momenten der Seligkeit in einem von Monotonie und Wiederholung gekennzeichneten Arbeitsalltag: US-Autor David Foster Wallace, der sich am 12. September 2008 das Leben nahm.

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