Theresia Zierler: "Schlangengrube" Politik

Interview17. Jänner 2014, 19:25
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"Natürlich geht es um den Bekanntheitsgrad", sagt die ehemalige FPÖ-Generalsekretärin zum Einstieg von Eugen Freund - Schwer war ihr eigener Ausstieg

derStandard.at: Eugen Freund ist das jüngste Beispiel einer langen Liste an Journalisten, die in der Politik landen. Was macht gerade ORF-Journalisten so attraktiv für Parteien?

Zierler: Man braucht sich nichts vorzumachen, natürlich geht es um den Bekanntheitsgrad. Es sind Gesichter, die man aus dem Fernsehen kennt und somit automatisch für Parteien attraktiv sind. Der zweite Punkt ist, dass Journalisten schon ein gewisses Handwerkszeug mitbringen. Da geht von der Medienerfahrung, übers Recherchieren bis zum schnellen Lernen. Ich finde nichts Verwerfliches an Quereinsteigern und begrüße das.

derStandard.at: Das Handwerkszeug und ein Machtapparat im Hintergrund: Prädestiniert das gerade ORF-Journalisten für die Politik?

Zierler: Ich hatte beim ORF die beste Schule für die Politik. Man sagt dem ORF ja nach, dass er eine ziemliche Schlangengrube ist. Es gibt aber sicher noch eine Steigerung, das ist die Politik.

derStandard.at: Welche Chancen geben Sie Eugen Freund in der Politik?

Zierler: Ich sehe das sehr positiv. Er hat sehr viel Auslandserfahrung und den großen Vorteil, dass er nach der Politik keinen Job mehr braucht. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, dass dies das große Problem für Quereinsteiger ist. Nach der Politik hat man in der Privatwirtschaft ganz schlechte Chancen oder im schlimmsten Fall gar keine. Eugen Freund hat seine Pension. Er kann Politik machen, so lange er möchte, ob das jetzt eine oder mehrere Perioden sind, er ist beruflich unabhängig. Als EU-Abgeordneten kann ich ihn mir sehr gut vorstellen.

derStandard.at: Wieso hat man es als Quereinsteiger nach der Politik so schwer? Weil man parteipolitisch punziert ist?

Zierler: Es ist nicht kompatibel, das ist meine Erfahrung. Aber es machte einen Unterschied, ob ich für die SPÖ, ÖVP oder in meinem Fall für die FPÖ kandidiere. Mit einer blauen Vergangenheit hat man das offizielle Österreich gegen sich. Boden unter den Füßen bekommen habe ich erst nach jahrelanger Aufbauarbeit.

derStandard.at: Warum ist das bei der FPÖ so?

Zierler: Das fragen Sie mich jetzt nicht im Ernst (lacht).

derStandard.at: Ich würde es gerne von Ihnen hören.

Zierler: Schon etwas von Proporz gehört? Die FPÖ hat keine Vorfeldorganisationen wie die SPÖ und ÖVP. Es gibt dann keinen Jobetwa in der Wirtschaftskammer oder der Arbeiterkammer. Man glaubt gar nicht wieviele Institutionen parteipolitisch agieren. Banken, Versicherungen etc.

derStandard.at: Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, um sich in der Privatwirtschaft zu etablieren?

Zierler: Nicht nur eine Zeitlang, es waren Jahre. Mit der Selbstständigkeit habe ich zwar sofort begonnen, als ich in die Politik ging, weil ich nie von ihr abhängig sein wollte, gedauert hat es aber lange. Während der Politik ist das gut gegangen, nur mit dem Ausstieg war es dann vorbei.

derStandard.at: Wurden Sie im Jahr 1999 aktiv von der FPÖ rekrutiert?

Zierler: Ja.

derStandard.at: Mit welchem Angebot?

Zierler: Das war kurz vor der Nationalratswahl, das Angebot war ein fixes Mandat.

derStandard.at: Was war das Schwierigste beim Wechsel in die Politik?

Zierler: Das waren die Anfeindungen. Die wird wahrscheinlich jeder ehemalige ORF-ler erleben. Als Moderatorin ist man beim ORF eher beliebt, verlässt man diesen Bereich, kommen die Gesinnungen zutage. Ich wurde auf der Straße angepöbelt und beschimpft. Am Anfang konnte ich nicht damit umgehen, weil ich es nicht kannte. Ich wurde nicht mehr als TheresiaZierler wahrgenommen, sondern nur mehr als FPÖ-lerin.

derStandard.at: Hatten Sie mit solchen Anfeindungen gerechnet?

Zierler: Nein, überhaupt nicht. Ich hätte mir nie erwartet, dass es so krass ist. Kommt es von politischen Gegnern, ist das normal. Bei fremden Menschen ist es aber eine andere Dimension, wenn man plötzlich von Nachbarn oder auf der Straße angeschrien wird. Oder wenn man Menschen verliert, die einem wichtig waren, nur weil man bei der FPÖ ist. Das waren schmerzhafte Erfahrungen.

derStandard.at: Wächst da eine dicke Haut, oder haben Sie den Schritt in die Politik bereut?

Zierler: Bereuen werde ich in meinem Leben nur das, was ich nicht gemacht habe. Es bringt auch nichts, da es sich nicht mehr ändern lässt, nachher ist man immer klüger. Es war eine tolle Erfahrung und bringt mir für meinen heutigen Beruf sehr viel, wenn ich zum Beispiel Politiker auf TV-Auftritte vorbereite. (Oliver Mark, derStandard.at, 17.1.2014)

Theresia Zierler arbeitete 14 Jahre für den ORF, bevor sie bei der Nationalratswahl 1999 für die FPÖ kandidierte, im Jahr 2000 avancierte sie zur FPÖ-Generalsekretärin. Nach der Parteispaltung wechselte sie ins Lager des BZÖ. Bei der Nationalratswahl 2008 kandidierte sie für die Liste Fritz Dinkauser. Die Partei verpasste mit 1,8 Prozent der Stimmen klar den Einzug in den Nationalrat. Zierler ist als Medien- und Kommunikationstrainerin tätig, ihre Firma nennt sich "Act Talk Win".

  • Jörg Haider holte Theresia Zierler 1999 in die Politik.
    foto: apa/gepa

    Jörg Haider holte Theresia Zierler 1999 in die Politik.

  • Bei der Nationalratswahl 2008 versuchte es Zierler für die Liste Fritz Dinkauser - erfolglos.
    foto: apa/dinkhauser

    Bei der Nationalratswahl 2008 versuchte es Zierler für die Liste Fritz Dinkauser - erfolglos.

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