Naturgewalt Lawine: Ein Wettlauf gegen die Zeit

20. Jänner 2014, 11:27
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Die besten Überlebenschancen haben Lawinenopfer, wenn sie von begleitenden Kameraden ausgegraben werden

Wie ein Donnergrollen, oder eine Explosion klingt es, wenn sich Schneemassen lösen und Richtung Tal rasen. Mit bis zu 300 km/h reißt die Lawine alles mit, was sich ihr in den Weg stellt. Danach: beklemmende Stille.

"Freunde von mir sind schon von einer Lawine mitgerissen worden", erzählt Wolfgang Altendorfer, begeisterter Tourengeher aus Lienz. Er hat Nassschneelawinen und abgehende Schneebretter bereits erlebt - allerdings ohne dabei selbst verschüttet zu werden. Der heurige Winter ist bis dato zwar schneearm, das österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit hat seit Jahresbeginn jedoch trotzdem bereits sechs Lawinen mit Personenbeteiligung aufgezeichnet. Bei einem Lawinenabgang in Neustift am Stubaital wurde erst vor wenigen Tagen ein Mann getötet.

Wird ein Mensch von einer Lawine verschüttet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: "Die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt bei Totalverschüttung mit jeder Minute", so Martin Burtscher, Bergführer, Sportmediziner und ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin. Die Statistik spricht eine klare Sprache: Nach zehn Minuten liegt die Überlebenschance noch bei 90, nach 20 Minuten bei 50 Prozent. "Und nach 30 Minuten ist die Überlebenswahrscheinlichkeit schon sehr gering", so Burtscher. Wer länger als 35 Minuten vergraben ist, könne nur bei Vorhandensein einer Atemhöhle überleben - dann sei jedoch, abhängig von der körperlichen Verfassung, auch ein Überleben für mehrere Stunden möglich.

Vom Schnee erdrückt

"Die meisten Lawinentoten sind erstickt", so Burtscher. Nur etwa zehn Prozent würden durch schwere Verletzungen, zum Beispiel wenn sie von der Lawine mitgerissen werden und abstürzen, ums Leben kommen. In einer Studie aus dem Jahr 2011 wurden Daten zu Lawinenüberlebenden in der Schweiz und in Kanada verglichen. Das Ergebnis: Die kanadische Überlebenskurve fiel schneller ab als ihr Schweizer Pendant, ein Umstand der unter anderem mit unterschiedlichen Schneeeigenschaften erklärt wurde.

Es ist eine Studie, die zwar akademische Interessen erfüllt, den Betroffenen aber nichts bringe, findet Burtscher. Die Eigenschaften des Schnees könnten zwar eine Rolle spielen: Wenn Schnee zum Beispiel besonders schwer ist und Verschüttete tief liegen, können sie von den Schneemassen regelrecht erdrückt werden. Ist der Schnee pulvrig, könnte die Wahrscheinlichkeit, eine Atemhöhle zu haben, und dadurch die Überlebenswahrscheinlichkeit, geringer sein. "Aber das sind Peanuts", so Burtscher. Am Ende ginge es immer darum, die Verschütteten möglichst schnell zu bergen. Ob ihre Überlebenschancen in Kanada etwas ungünstiger sind als in der Schweiz, sei dann nebensächlich.

Obwohl Opfer häufig für längere Zeit im Schnee eingeschlossen sind, spielt Unterkühlung laut Burtscher keine große Rolle: Pro Stunde sinke die Kerntemperatur des Körpers um etwa drei Grad. Je nach Art der Kleidung erreiche der Verschüttete so erst nach einer Stunde eine Körperkerntemperatur, die zur Unterkühlung führt. "Aber Unterkühlung kann auch positiv sein, weil dann weniger Energie verbraucht wird", so Burtscher. Kritisch werde die Situation hingegen, wenn Verschüttete ausgegraben werden, und die Gruppe dann im Freien auf Rettung warten muss, weil dann der Körper stärker auskühle.

Kameraden als Lebensretter

Nur in seltenen Fällen können Rettungsmannschaften innerhalb der kritischen zehn bis fünfzehn Minuten vor Ort sein. Bei Flugwetter werden je nach Verfügbarkeit zuerst Bergretter, Hunde, dann Flugrettungssanitäter und Notarzt zur Lawine geflogen, erklärt Sebastian Hermens, Alpinmediziner und Mitglied der ARGE Alpinmedizin der Medizinischen Universität Graz. Wenn das wetterbedingt nicht möglich sei, müsse die Rettungsmannschaft zur Lawine aufsteigen - und das könne natürlich dauern.

Nachlawinen machen den Einsatz auch für Retter gefährlich. Die Entscheidung, ob das Risiko zu groß ist, sei unter anderem davon abhängig, ob es eine Überlebenschance für Opfer gebe und wie schnell der Unfallort erreicht werden könne. Diese wird letztendlich vom Einsatzleiter getroffen.

"Mit Abstand die besten Überlebenschancen hat ein Betroffener, wenn die Kameraden es schaffen ihn auszugraben", so Hermens. Daher könne es überlebenswichtig sein, dass immer nur ein Mitglied der Gruppe abfährt, während der Rest an "sicheren Sammelplätzen" wartet. Auch die richtige Ausrüstung rettet Leben: Wolfgang Altendorfer hat bei jeder Tour ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), eine Sonde und eine Schaufel dabei. Auch eine Aludecke und ein Erste-Hilfe-Set gehören in seinen Rucksack. "Die Kameradenrettung muss von allen beherrscht werden, und sollte jedes Jahr geübt werden", betont Hermens. Wer komplett verschüttet wird, aber kein LVS hat, habe quasi keine Überlebenschance, sagt Burtscher.

Auch einen Airbag-Lawinenrucksack hat Altendorfer manchmal dabei. Da dieser jedoch zusätzliches Gewicht bedeutet, lässt er ihn bei bei längeren Touren oder geringer Lawinengefahr zuhause. Laut zahlreichen Studien sind diese Rucksäcke aber effektiv, weil sie eine Ganzkörperverschüttung verhindern können und so eine schnellere Rettung ermöglichen. "Der Rucksack kann aber eine trügerische Sicherheit vermitteln", sagt Hermens.

Mit durchschnittlich 25 Lawinentoten pro Jahr bleibt die Statistik seit Jahrzehnten konstant, obwohl es immer mehr Tourenskigeher gibt. Lawinenunfälle können aber Sportler jeglicher Erfahrung zustoßen. "Aber die Unerfahrenen haben größeren Respekt als die Erfahrenen", so Burtscher.

Gefahr von Bergungstod

Wurde der Verschüttete gefunden, und mit dem Ausgraben begonnen, steht im Vordergrund den Kopf freizulegen und zu überprüfen, ob die Atemwege frei sind und der Betroffene auch atmet. Dann erst gilt es den restlichen Körper auszugraben und bei fehlender Spontanatmung mit Herzdruckmassage und Beatmung zu beginnen.

Dauert es länger als 35 Minuten, bis das Lawinenopfer aus den Schneemassen geborgen ist, dann wächst die Gefahr des Bergungstods. Um bei Unterkühlung das weitere Absinken der Körpertemperatur zu verhindern, konzentriert sich das warme Blut nämlich auf die lebenswichtigen körperinneren Organe. Vermischt sich kalte Blut aus der Peripherie aktiv oder passiv mit dem noch wärmeren Blut aus dem Körperkern, dann kommt es auch zu einer Abkühlung des Körperkerns. Herzrhythmusstörungen oder sogar Herzstillstand könnten die Folge sein, so Hermens: "Wenn man es also wirklich schafft, jemanden auszugraben, geht der Kampf ums Leben meist weiter." (Franziska Zoidl, derStandard.at)

  • Suchaktion nach einem Lawinenabgang am Kitzsteinhorn 2009.
    foto: apa/bergrettung kaprun/hans dörfler

    Suchaktion nach einem Lawinenabgang am Kitzsteinhorn 2009.

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