"Es gibt eine fröhliche Seite der Migration"

Interview17. Jänner 2014, 05:30
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Bogumil Balkansky gründet bald eine Partei. Davor kommt aber noch sein Buch "Gottlosigkeit für Anfänger" heraus

Bogumil Balkansky ist den STANDARD-Lesern seit geraumer Zeit ein Begriff. Nun liegen seine Glossen, die man, so das Konzept des Autors, am Klo oder in der U-Bahn lesen kann, auch als Buch vor. Im Gespräch mit daStandard.at erzählt er auch von seinem Hobby, der Religionskritik, und davon, warum er nichts dagegen hat, eines Tages als "Patzer" verunglimpft zu werden.

daStandard.at: Wie kamen Sie zum Schreiben?

Balkansky: Die Leute haben immer gesagt, geh, Alter, schreib ein Buch. Dann habe ich begonnen Kolumnen zu schreiben. Mit dem Konzept, dass man sie beim Scheißen lesen kann oder in der U-Bahn. Drei Stationen, das hat die richtige Länge, man kann sie durchlesen und danach als Klopapier benutzen. Es war Olivera Stajić, die mich eingeladen hat, für daStandard.at Glossen zu schreiben. Diese sind jetzt als Buch herausgekommen, das ist schön.

daStandard.at: Sie schreiben autobiografisch, unter anderem auch über Ihre eigenen Migrationserfahrungen.

Balkansky: Ich denke, Migration ist tragisch genug. Kaum jemand migriert freiwillig. Aber es gibt auch eine lustige, fröhliche, auf jeden Fall eine ironische Seite der Migration, und diese habe ich versucht auszuleuchten. Es wird ständig darüber geschrieben, wie tragisch Migration ist, aber ich möchte betonen, dass sie auch lustig ist.

daStandard.at: Wenn man genug Selbstironie hat?

Balkansky: Ja. Ich finde auch, man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Großzügigkeit ist die wichtigste Eigenschaft des Menschen im Hinblick auf Toleranz. Bist du großzügig, bist du tolerant. Ob es umgekehrt auch geht, weiß ich nicht.

daStandard.at: Waren Ihre eigenen Migrationen lustig?

Balkansky: Meine erste Ironie liegt darin, dass ich als Kind zu Leuten kam, auf die meine Opa und mein Oma damals geschossen haben. (lacht) Das war die erste Ironie des Ganzen.

Ich bin nicht freiwillig gekommen, aber ich finde es total gut, hier zu sein. Meine Heimat ist explodiert, mein Opa hätte mich in Kroatien vermutlich in die Militärakademie gesteckt, wahrscheinlich wäre ich jetzt Offizier der Volksarmee im Ruhestand nach Kriegsverdiensten, das wäre gar nicht erstrebenswert.

daStandard.at: Womöglich ein Säufer?

Balkansky: Ja, das wäre ich, wenn ich in meiner Heimat geblieben wäre. Ich saufe zwar auch jetzt nicht wenig, aber es hält sich in Grenzen.

daStandard.at: Es gab aber auch freiwillige Migrationen?

Balkansky: Ich war auch drei Jahre in Italien, in Friaul. Das war eine hübsche Migration, eigentlich aus Jux und Tollerei. Danach wollten wir nach Neuseeland weiterziehen. Das war übrigens der längste Winter meines Lebens. Wir sind direkt vom norditalienischen Winter in den neuseeländischen Winter gekommen, dort haben wir es sechs Monate ausgehalten, dann zurück in den europäischen Winter. So blass war ich mein Lebtag noch nicht, und ich wurde tatsächlich bei einer Personenkontrolle von einem Polizisten gefragt, ob ich nicht vor kurzem im Gefängnis war.

daStandard.at: Sie leben gerne in Österreich?

Balkansky: Ja, ich finde es gut, hier zu sein. Der Staat funktioniert, es ist ein gut eingerichtetes Land. Die Leute mögen jammern, was sie wollen, aber wenn du die Polizei rufst, kommt sie, und Rettung und Feuerwehr ebenso, und beim Arzt musst du nicht Schmiergeld zahlen. Jeder Migrant, der sich über Österreich beschwert, muss mir erklären, was ihn hier eigentlich stört. Sicher gibt es Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Nazis, aber wenn ich aus Kroatien komme, brauche ich mich über Faschisten nicht beschweren. In Kroatien gibt es mehr Faschisten als im doppelt so großen Österreich, dasselbe trifft auf Serbien und Bosnien zu. Österreich ist super, und ich sage das ohne Lobhudelei. Ich lebe seit mehr als 40 Jahren hier, ich kann das als Migrant schon beurteilen, wo es mir besser geht. Es ist natürlich ein bisschen fad, am Balkan geht es zum Teil schon interessanter zu ...

daStandard.at: Sie schreiben sehr viel. Wie wirkt sich das auf Ihr Leben aus?

Balkansky: Ich mag es, wenn ich eine Geschichte erzähle, und die Leute lachen darüber. Das bedeutet, ich kann einen positiven Zustand bei Menschen erzeugen. Das ist zwar nur ein kleines Talent, aber eines, das nicht alle haben. Mir geht es gut mit dem Schreiben. Wenn ich sage, ich schreibe, lassen mich alle in Ruhe, das ist super. An dieser Stelle auch ein großes Lob an meine Lebensgefährtin, wir sind seit 24 Jahren zusammen. Sie hat immer Verständnis gehabt, hat immer gesagt, gib nicht auf, mach weiter, bald kommt etwas - und jetzt ist das Buch da.

daStandard.at: Worüber wollen Sie in Zukunft schreiben?

Balkansky: Mein anderes Hobby ist die Religionskritik, und da kommt wahrscheinlich bald ein Buch heraus mit dem Titel "Gottlosigkeit für Anfänger. Was dir dein Religionslehrer nicht erzählt". Darin folge ich der Religionskritik, wie sie seit Sokrates betrieben wird, und bereite das mit Anekdoten für Schüler auf, die ohne ihren Willen in den Religionsunterricht gesteckt werden. In diesem Buch werden sie nachlesen können, warum sie alles, was sie im Religionsunterricht hören, auch anzweifeln dürfen.

daStandard.at: Gibt es Pläne über das Schreiben hinaus?

Balkansky: Spätestens im nächsten Jahr möchte ich eine Partei gründen. Sie soll PAZ heißen, Partei auf Zeit. Wir werden stolz sein, wenn die Leute uns "Patzer" nennen, denn das sind wir. Wir möchten als Grundkonzept nur Politik auf Zeit machen, wir wollen keine Politiker werden. Wenn wir die Republik wieder in Ordnung gebracht haben, treten wir wieder ab.

daStandard.at: Wie sieht das Parteiprogramm aus?

Balkansky: Zunächst die Legalisierung von Marihuana. Die Einnahmen sollen dann in Sozialprojekte gesteckt werden, damit nicht diese Schande passiert, dass es Kinder gibt, die noch nie das Meer gesehen haben außer im Fernseher. Außerdem sollte jeder Mensch in diesem Land auf mindestens 60 Quadratmetern leben dürfen. Das Bundesheer sollte auch abgeschafft werden, stattdessen soll es eine Profitruppe geben. Außerdem wollen wir eine Verwaltungsreform durchführen. Das Konkordat und den Staatsvertrag wollen wir abschaffen, ebenso das Verbotsgesetz, zwecks besserer Argumentierung gegen die Nazis. Wir möchten jeden Querdenker einladen, sich uns anzuschließen. Die Patzer kommen! (Mascha Dabić, daStandard.at, 17.1.2014)

Bogumil Balkansky
Auf Neuseeland sind Briten die Tschuschen

Balkanskys gesammelte Kolumnen
Redelsteiner Dahimène Edition
252 Seiten, 16,90 Euro

  • Mehr über Balkansky und seine Kolumnen gibt es hier zu finden.
    foto: privat

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    foto: redelsteiner dahimène edition
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