Europa statt Pensionswüste

Kolumne16. Jänner 2014, 19:03
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Vor allem die "Kronen Zeitung" überkugelte sich mit Lob über die Nominierung Eugen Freunds zum EU-Spitzenkandidaten der SPÖ

Was die konsequente Personalpolitik seiner Partei betrifft, hätte Werner Faymann auch ganz anders können. Kurz hat das Flämmchen der Erregung die politische Szene beleuchtet, als er die Nominierung eines Journalisten als SPÖ-Kandidaten für die EU-Wahl bekanntgab. Aber welches Brillantfeuerwerk hätte die Landschaft erhellt, hätte er, wenn es schon ein Journalist sein muss, gleich Nägel mit Köpfen in die Hirne der Österreicher getrieben und gleich Michael Jeannée zum Delegationsleiter ernannt. Vielleicht kein lupenreiner Sozialdemokrat, indes als Ausdruck einer geradlinigen Haltung zur EU, wie sie mit dem bekannten Brief an die Kronen Zeitung eingesetzt hat, eine optimale Wahl, auf den ersten Blick. Aber Jeannée ist zum Glück noch nicht in Frühpension, und die Zeiten, wo man als Printjournalist noch zu höheren politischen Weihen gelangen konnte, liegen ohnehin lange zurück. Wer liest denn noch? Alles sieht fern, also musste wieder einmal ein Fernsehgesicht an die Front.

Und die tiefe Weisheit, die dieser Entscheidung zugrunde liegt, sollte schon wenige Tage später offenbar werden. Wo wurde die Nominierung Eugen Freunds enthusiastisch begrüßt? Im bedeutungslosen Rest der sonstigen Medien? Eher nein. In der eigenen Partei, oder gar in der sozialdemokratischen EU-Delegation? Schon gar nicht. Da gab es zunächst lange Gesichter, dort ranziges Gemäkel über den ORF als Personalreserve der Politik. In dieser Situation zeigte sich Jeannée der ihm zugeteilten historischen Mission gewachsen: Neidlos überkugelte er sich in Lob für den "Überraschungs-Coup der Roten, brillant".

Das Lob war hymnisch und nur leicht untermotiviert, empfahl er doch Eugen Freund, "dieses markante ORF-Gesicht, das Millionen bekannt ist, das Millionen geliebt haben, bis es in die vermeintliche Pensionswüste geschickt wurde", als eine Art von der SPÖ geweihten Märtyrer des ORF. "Diesen Eugen Freund also, ja, den gemma wählen. Der is wer." Direkt an die Adresse der Krone-Leser: "Das ist jemand, mit dem sich das Gros der Wähler (auch schweigende Mehrheit genannt) identifizieren kann." Und damit nichts schiefgeht: "Persönlich ausgedrückt, lieber Herr Freund: Das EU-Parlament ist mir wurscht, aber SIE wähle ich."

In der SPÖ mag man mit dieser Umarmung die Saat rascher als erwartet aufgehen sehen - fürs Erste hat Freund eingebracht, wofür er nominiert wurde. Was in jemandem vorgehen mag, der mit seiner nachgewiesenen Erfahrung weit mehr repräsentiert als ein "markantes ORF-Gesicht", beim Andrang derer, denen das EU-Parlament - im besten Fall - "wurscht" ist, will man nicht wissen. Dieses "Gros der Wähler" zu überzeugen, ohne von einer seriösen proeuropäischen Linie abzuweichen, kommt einer Quadratur des Kreises nahe. Der SPÖ ist sie jedenfalls bisher nicht gelungen.

Als langjährig geschulter politischer Beobachter wird Freund auch nicht verdrängen, dass noch fast jeder, den die Krone zu ihrem Liebling erkor, ein trauriges Ende nahm, letztes Beispiel Frank Stronach. Wenn nur die Abenteuer eines Frühpensionisten in Europa nicht im Zeichen dieses Fluchs beginnen! (Günter Traxler, DER STANDARD, 17.1.2014)

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