Sorge wegen wachsender Armut in Europa

16. Jänner 2014, 18:14
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"Sozialtourismus" sei Schwachsinn, sagt der Chef des Neunerhauses. Ein Drittel der Betroffenen sei erwerbstätig

Wien - Je länger Markus Reiter über die Ursachen von Armut spricht, desto mehr gerät er in Rage. "Wir müssen das zu einem europapolitischen Thema machen", fordert der Chef des Wiener Neunerhauses. "Das Credo vom 'Sozialtourismus' ist Schwachsinn", meint er. "Diese Entwicklung betrifft uns alle, wir können nicht wegschauen, wenn jemand lieber hierherkommt und Arbeit sucht, bevor er in Rumänien oder Griechenland verhungert."

Die Zahlen sprechen für sich. Zwischen 2006 und 2013 ist die Anzahl der betreuten Fälle in der Obdachloseneinrichtung von 4600 auf mehr als 10.000 gestiegen. Der Anteil der Nichtanspruchsberechtigten aus anderen EU-Ländern in der kostenlosen Arztpraxis hat im Vorjahr um 40 Prozent zugenommen.

Zukunft der Sozialpolitik

Die europaweite Tendenz veranlasste das EU-Parlament, Druck auf die Kommission aufzubauen. Sie soll Strategien gegen Armut und Obdachlosigkeit ausarbeiten. Am Donnerstag wurde der Antrag in Straßburg angenommen (siehe Wissen). "Im Moment entscheidet sich, ob wir eine menschenverachtende und repressive Sozialpolitik bekommen oder die Ursachen erkennen und bekämpfen", sagt Reiter.

Das Neunerhaus selbst verfolgt seit knapp 1,5 Jahren einen neuen Ansatz zum Ausstieg aus der Obdachlosigkeit. Müssen Betroffene sonst mehrere Stufen durchlaufen, bis sie zu einer eigenen Wohnung gelangen (prekäre Unterkunft oder Straße, Notquartier, Übergangswohnung), kommen sie im Housing-First-Programm möglichst direkt in einen eigenständigen Mietvertrag. Dort werden sie so lange wie nötig betreut, sind aber selbst für den Erhalt der Wohnung verantwortlich.

Dass erstmals die Betreuung von der Wohnsituation entkoppelt wird, ist für Reiter, selbst Ökonom, ein "Paradigmenwechsel" in der Sozialarbeit. Häufige Umzüge bedeuten für die meisten Menschen Stress, weswegen einige auf dem Weg zur eigenen Wohnung in den Kreislauf zur Obdachlosigkeit zurückfallen.

Beim Housing First, das Anfang der 1990er-Jahre in den USA erprobt wurde, trete durch den Effekt der Eigenverantwortung schnell eine Stabilisierung ein.

30 Wohnungen standen über Kooperationen in der Testphase zur Verfügung, 70 Personen, davon 30 Kinder, wurden darin untergebracht. An erster Stelle steht die Leistbarkeit. Zahlungsschwierigkeiten gab es nur in vier Fällen. Im Schnitt lebt eine Familie mit vier Personen auf 50 bis 60 Quadratmetern, die Miete soll 350 Euro nicht überschreiten.

"Genau dieser Wohnraum der untersten Kategorien hat sich in Europa extrem verknappt, es gibt fast nur Angebote für die Mittelschicht und Upperclass", kritisiert Reiter. Ein anderer Faktor sind befristete Verträge, aus denen die Mieter rausfallen und nichts Leistbares finden. Ein Drittel der Teilnehmer ist erwerbstätig, klassische Working-Poor-Schicksale. Das Housing-First-Konzept wird auch in Salzburg und Graz erprobt und soll stark ausgebaut werden. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 17.1.2014)

Wissen: Eckpunkte der EU-Resolution

Obdachlosigkeit sei "eine der schlimmsten Formen der sozialen Ausgrenzung" und "eine Verletzung der menschlichen Würde", hielt das EU-Parlament in seinem Antrag fest. Die Wirtschafts- und Finanzkrise habe sich negativ auf die soziale Lage in Europa ausgewirkt, die Zahl der von Armut bedrohten Personen in der EU mache knapp ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus.

Bis Ende 2015 muss die EU-Kommission eine europäische Strategie zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit ausarbeiten. Außerdem sollen umfassende und vergleichbare Daten von den Mitgliedsstaaten erhoben und ausgetauscht werden. Der Rat und die Kommission sollen auch eine "EU-Garantie auf Unterkunft" einrichten. (juh)

>>> Link zur EU-Resolution

  • Die Notquartiere sind voll, auch ohne frostige Temperaturen. Zunehmend mehr EU-Bürger kommen finanziell ins Straucheln, bei einigen reicht irgendwann das Geld für die Miete nicht mehr.
    foto: apa/helmut fohringer

    Die Notquartiere sind voll, auch ohne frostige Temperaturen. Zunehmend mehr EU-Bürger kommen finanziell ins Straucheln, bei einigen reicht irgendwann das Geld für die Miete nicht mehr.

  • "Wir als betreuende Organisationen müssen uns verändern", findet Markus Reiter.
    foto: der standard/matthias cremer

    "Wir als betreuende Organisationen müssen uns verändern", findet Markus Reiter.

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