Reduktion: Lessings "Emilia Galotti" in Bregenz

16. Jänner 2014, 17:53
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Regisseurin Sigrid Herzog kann dem Stück heute noch Aktuelles abgewinnen

In Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti soll die bürgerliche und tugendhaft erzogene Emilia (Morgane Ferru) auf Wunsch ihrer Eltern durch die Heirat mit dem Grafen Appiani (Bastian Beyer) in die Oberschicht der Gesellschaft aufsteigen. Das wohlbehütete Mädchen begegnet jedoch am Tag ihrer Hochzeit dem Prinzen (Moritz von Treuenfels), der in ihr eine Leidenschaft weckt, der sie sich nicht entziehen kann. In ihren Augen moralisch schuldig geworden, bittet sie ihren Vater um Erlösung. Diese erfolgt durch einen von ihm abgefeuerten Todesschuss.

Auch wenn das Drama 1772 uraufgeführt wurde und das Bürgertum in dieser Form nicht mehr existiert, kann Regisseurin Sigrid Herzog dem Stück am Landestheater Bregenz heute noch Aktuelles abgewinnen. Denn dass Eltern hoffen, dass ihre Tochter durch Heirat eine gute Partie macht, ist für sie noch wahrnehmbar.

Als Drama der Aufklärung ist Emilia Galotti ein Stück über Liebe, Leidenschaft, die damals herrschenden Moralvorstellungen und ein Politikum. Es zeigt die Willkür, mit der der Adel seine Macht ausübte, und die Gefahr, die davon ausgeht, wenn Herrschende ihrer nicht mächtig sind.

Dass im Hintergrund ganz andere die Fäden ziehen, verdeutlicht die Figur des Kammerdieners Marinelli (überzeugend dargestellt von Michael Stange). Der Prinz, ein jähzorniger, im Grunde tief verunsicherter Mann, vertraut auf ihn und unterschreibt in jugendlichem Leichtsinn arglos Todesurteile, wenn Marinelli ihm diese vorlegt. Der Prinz wurde als Popstar inszeniert: Enge Jeans, große Gürtelschnalle, nackter Oberkörper.

Bühnentechnisch setzte die Inszenierung auf die Überzeugungskraft der Reduktion. Eine Wand, die sich von den Darstellern drehen lässt, auf einer Seite mit weißer Leinwand, auf der anderen Seite mit Fell bespannt. Das reicht für Stimmungsbilder.

Sigrid Herzog bleibt bei ihrer Inszenierung nahe an der Vorlage. Nur das Ende färbt sich dann doch etwas zu sehr in Pastell. Die Zuschauer werden nicht mit dem Bild der durch den Vater getöteten Tochter entlassen, sondern diese steht wieder auf und singt, Hand in Hand mit ihrem Vater ein rührseliges Lied. Viel Applaus. (niwe, DER STANDARD, 17.1.2014)

 

Nächste Vorstellungen: 18. 1., 23.1., 19.30

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landestheater.org

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