Intensität im Ruinenkäfig

16. Jänner 2014, 17:27
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Premiere von Verdis Oper "I due Foscari" am Theater an der Wien: Die behäbige Inszenierung von US-Regisseur Thaddeus Strassberger erlangt Lebendigkeit letztlich nur durch die Präsenz von Placido Domingo

Wien - Die Bergung des von der Musikhistorie eher verschmähten Opus ist von den Häusern in Los Angeles, Valencia, London und Wien angebahnt worden. Giuseppe Verdis Oper I due Foscari mutet allerdings an, als säße ihr wahrer Wiedergeburtshelfer im Wurstelprater und als würden Inszenierung und Ausstattung dahingehend angelegt sein, in einer lustigen Grottenbahn des Wiener Unterhaltungskosmos ihren letztgültigen Bestimmungsort zu finden.

Da sind zwar einleitende Videowasserspiele zu erspähen und, womöglich als Reminiszenz an Stummfilme, vorbereitende Texte zu lesen. Die Dominanz des auf eine desolate Welt verweisenden, bröckelnden Mauerwerks (Bühnenbild: Kevin Knight) bleibt allerdings so übermächtig wie die Behäbigkeit der gruftigen Inszenierung. Letztere wirkt schließlich, als wollte Regisseur Thaddeus Strassberger die Ruine ein zweites Mal errichten - mit Chor und Protagonisten.

Natürlich ist dieser Geschichte über den Dogen Francesco Foscari, der (zwischen Staatsraison und privaten Gefühlen zerrissen) zusehen muss, wie sein Sohn Jacopo Intrigen, Folter und Verbannung überantwortet wird, schwer beizukommen. Der mitunter eindringlichen und hohe vokale Ansprüche stellenden Musik sitzt ein steifes Libretto im Nacken, das Figuren zu Puppen werden lässt, die jene Gefühle, welche sie zu empfinden haben, auch noch verbal doppeln.

Versuche, dieser bremsenden Problematik szenisch beizukommen, waren jedoch nicht auszumachen. Auch Folterszenen (mit Fingerabhacken) halfen da nicht sonderlich. Zudem steckt das intrigante Milieu der skurril-bärtigen Senatoren, welche den Dogen auch seines Amtes entheben, in Roben, die jegliche Mobilität verunmöglichen. Nicht besser geht es der höfischen Damenwelt - allzu viel Stoff wurde verbraucht, um die Mode des 15. Jahrhunderts stilisiert zu beleben.

Es sieht auch Placido Domingo in voller Dogenmontur ein wenig gebremst und drollig aus. So, wie er jedoch gesanglich den Altersringen trotzt, so ist auch seine Intensität durch vorhangartige modische Hindernisse nicht zu ersticken. Der Senior meistert die Baritonpartie mit einem frappanten Mix aus markantem Klang, eindringlicher Linienführung und Dramatik. Klar fordert die Partie Domingo. Bei ihm jedoch mutieren Sangesmühen elegant zu seelischen Dogennöten. Nur am Schluss gehen auch ihm etwas die Kräfte aus.

Um das Erstaunliche seiner Präsenz zu erleben, zahlt man also in Summe einen hohen Preis. Und er wird durch Domingos Kollegenschaft nicht wirklich geringer: Tenor Arturo Chacón-Cruz beherrscht die Partie des Jacopo nicht, eher beherrscht sie ihn. Er klingt in den Höhen zwar sicher und dynamisch, ansonsten aber glanzlos und fragil, während Davinia Rodriguez (als Lucrezia) mitunter zu intensiven Momenten findet. Solide Roberto Tagliavini (als Loredano) wie der Schönberg-Chor. James Conlon am Pult des Radio-Symphonieorchesters Wien setzt leider nur dort Akzente, wo er die expressive Seite Verdis zur knalligen geraten lässt. Der Rest ist glanzfreie Routine. Applaus, nur ein Buh für die Regie. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 17.1.2014)

18., 20., 23., 25., 27.1., 19.00

  • Kann den Sohn nicht retten: Placido Domingo (Francesco) und Arturo Chacón-Cruz (Jacopo).
    foto: apa/herbert neubauer

    Kann den Sohn nicht retten: Placido Domingo (Francesco) und Arturo Chacón-Cruz (Jacopo).

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