Blick in den Himbeerspiegel

16. Jänner 2014, 17:42
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"Der diskrete Charme der smarten Menschen" im Theater an der Gumpendorfer Straße

Wien - Die Namen haben sich die Figuren bei Luis Buñuel ausgeborgt. In dessen Film Der diskrete Charme der Bourgeoisie versammelten sich Vertreter der High Society, um gemeinsam zu speisen und jeder für sich zu träumen. Bürger, wie Buñuel sie 1972 zeigte, waren Klassenfeinde. Zugleich hatte ihr stilvolles Essen im kleinen Kreis auch Anteil an einem der wichtigsten Umstürze des 20. Jahrhunderts: dem Surrealismus.

Im Theater an der Gumpendorfer Straße nennt Regisseur Ed. Hauswirth die Bürger "smarte Menschen". Seine Buñuel-Version ist eine "Salonkomödie". Den Surrealismus kennen die Figuren mit den ostentativ französischen Vornamen ("Délphine", "Bulle") wahrscheinlich aus Wikipedia. Der diskrete Charme der smarten Menschen ist eine Wiedersehensfeier. Nicht so sehr mit Luis Buñuel, sondern mit den eigenen Anwandlungen von Spießertum.

Vor einer Fensteraussicht auf einen Fluss (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) belagert das Sextett von "Bobos" den Esstisch. Die Lifestyle-Elite möchte zur Feier des Abends Gerichte von Sarah Wiener nachkochen. Die Doubles von Stéphane Audran (Michael Kaspar), Jean-Pierre Cassel (Jens Claßen) und Bulle Ogier (Elisabeth Veit) sind rechte Leckermäuler. Zur Vertiefung des Selbstgenusses werden Kohlrabi-Carpaccio, Garnelen-Pflanzerl auf Grünkohl-Mangosalat und warmer Zartbitter-Schokokuchen auf Himbeerspiegel mit Milcheis an tahitianischer Bio-Bourbon-Vanille (doch, doch!) gereicht. Schmeckt gut, die Augen bleiben geschlossen, sekundenlang scheint die Zeit stillzustehen.

Andererseits befinden wir uns auf dem Theater. Die Damen und Herren genießen nur Luft. In Wirklichkeit sind sie mit der Definition ihres Selbst, ihrer Subjekte mehr als ausreichend beschäftigt. Sie wollen "Haltung haben". Sie möchten "politisch aktiv sein" und eine gute Ausbildung absolvieren. Wie auf einem barocken Kupferstich gähnen einen abwechselnd Todesangst und Lebensüberdruss an.

Hauswirth hat mit seinen Schauspielern allerhand Material gesammelt. Die Probleme in unsren schmerzberuhigten Zonen sind halt eher relativ. Man amüsiert sich leidlich - und langweilt sich nach Kräften. Eine brave Arbeit, leider in etwa so bieder wie die Spießbürger, die sie vorzuführen wünscht. Julia Schrank gebührt ein Sonderlob für eine Wohlstandsarie: die hysterische Nacherzählung einer Ulrich-Seidl-Filmszene. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 17.1.2014)

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