"Man kann das nicht einfach anknipsen"

Interview17. Jänner 2014, 08:59
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Am Samstag bekommt Red Bull Salzburg hohen Besuch. Champions-League-Sieger Bayern München gastiert in der ausverkauften Arena. Für Trainer Roger Schmidt sind Spiele gegen Wiener Neustadt aber wichtiger

STANDARD: Was kann Red Bull Salzburg von Bayern München lernen?

Schmidt: Jede Mannschaft der Welt kann von Bayern lernen. Im Fußballbereich, aber auch auf anderen Ebenen. Die geben ein sehr gutes Bild nach außen ab, gerade in den vergangenen zwei Jahren haben sie deutliche Schritte nach vorne gemacht. Da kann man sich einiges, nahezu alles abgucken. Ich persönlich schaue in erster Linie auf die fußballerischen Dinge. Da sind sie der Goldstandard.

STANDARD: Ist das Match der Höhepunkt Ihrer bisherigen Karriere? Denken Sie, super, Wahnsinn, Pep Guardiola sitzt praktisch neben mir, er reicht mir die Hand? Oder gehen Respekt und Demut dann doch nicht so weit?

Schmidt: Ein Test kann nie das Spiel meiner Karriere sein, es ist ein Vorbereitungsmatch, in dem wir auf Erkenntnisse hoffen. Jede Pflichtpartie, egal ob in der Bundesliga gegen Wiener Neustadt oder im Cup gegen einen Landesligisten, ist bedeutender. Bei allem Respekt vor der Größe und der Klasse der Bayern.

STANDARD: Ihr Vertrag wurde vorzeitig bis 2016 verlängert, man ist mit Ihrer Arbeit offensichtlich sehr zufrieden. Was waren für Sie die Hauptargumente zu bleiben?

Schmidt: Meine Mannschaft, meine Spieler, die Fans. Und das Vertrauen der Vereinsführung in meine Arbeit, man möchte den Weg mit mir weitergehen. Ich will die positive Entwicklung, die sich abzeichnet, fortführen. Wir haben sehr viel auf die Reihe gebracht, man erkennt, dass die Richtung stimmt. Wir sind auch europäisch konkurrenzfähig geworden, das war eine der Vorgaben bei der Gründung des Vereins. Ich weiß, was ich an Red Bull Salzburg habe. Es gibt für mich keinen Grund, den Weg abzubrechen.

STANDARD: Die Spielweise wurde deutlich attraktiver, die Umfaller wurden immer seltener. Wie schwierig war der Prozess? Gab es Schlüsselerlebnisse?

Schmidt: Es ist auf jeden Fall ein Prozess. Man kann das nicht einfach anknipsen, und die Kurve zeigt nach Betätigung des Schalters nur nach oben. Im Fußball musst du eine Basis legen, aus jedem Spiel die Lehren ziehen und einfließen lassen. Es ist eine Detailarbeit. Der Kader muss richtig zusammengesetzt sein, du musst justieren. Gerade wenn ein neuer Weg eingeschlagen wird, kann es kurzfristig schlechter werden, ehe es langfristig besser wird. Nimmt man die vergangenen eineinhalb Jahre her, haben wir nur wenige Spiele nicht erfolgreich absolviert. Berücksichtigt man die hohe Erwartungshaltung, war das Gesamtpaket positiv.

STANDARD: Sind die beiden Europa-League-Spiele Ende Februar gegen Ajax Amsterdam richtungswesend? Weiß man danach, wohin die Reise gehen kann?

Schmidt: Über diesen Punkt sind wir schon hinweg. Wir haben uns souverän für die K.-o.-Phase qualifiziert, gewannen alle acht Spiele. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, in einem Duell etwas beweisen zu müssen. Es wird schwierig gegen Ajax, aber wir haben alle Chancen, uns durchzusetzen. Im Fußball kann man auch verlieren, es gibt Unwägbarkeiten. Speziell auf diesem Niveau. Sollten wir scheitern, heißt das nicht, dass in Salzburg irgendetwas einstürzt. Wir werden immer besser, das bleibt für mich unstrittig.

STANDARD: Leistungsträger wie Kevin Kampl, Alan oder Jonatan Soriano haben sich langfristig gebunden. Für österreichische Verhältnisse ist das eine total untypische Situation. Die meisten halbwegs begabten Kicker wären lieber gestern als morgen im Ausland. Genießen Sie den Luxus, nicht jeden Euro zweimal umdrehen zu müssen und perspektivisch denken zu können?

Schmidt: Ja, aber man ist trotzdem nicht auf der sicheren Seite. Es bedeutet ja nicht, dass die Spieler tatsächlich so lange bleiben. Dass gute Kicker langfristig gebunden werden, ist ein internationaler Trend. Entwickelt sich einer extrem positiv, wird er Thema für andere Klubs. Das ist gut so, man kann und soll auch als Red Bull Salzburg Transfererlöse lukrieren. Die Spieler fühlen sich bei uns wohl und sehen ganz klar die internationale Perspektive. Wir alle, da schließe ich mich klar mit ein, sind nicht damit zufrieden, in der österreichischen Bundesliga zu spielen. Was uns reizt, ist das internationale Geschäft, die Champions League. Darum haben wir alle verlängert.

STANDARD: Trotzdem ist Salzburgs Alltag die österreichische Bundesliga, und die ist nicht unbedingt legendär. Fehlt nicht auf Dauer die nationale Konkurrenz? Würden Sie sich über einen Mateschitz bei Rapid, der Austria oder Sturm freuen?

Schmidt: Ich denke nicht, dass wir konkurrenzlos sind. Wir müssen uns die Siege hart erarbeiten. Rapid, die Austria oder auch Aufsteiger Grödig sind Mannschaften, die man nicht im Vorbeigehen schlägt. Natürlich haben wir andere Voraussetzungen. Die Liga ist, wie sie ist. Es täte mich freuen, hätten mehrere Mannschaften richtig gute Kader zur Verfügung. Die Situation ist schwierig, aber wir gucken auf uns. Wir werden nur Meister, wenn wir gute Arbeit leisten. Und nicht, weil wir viel Geld haben.

STANDARD: Eine kühne Frage: Wie schlägt man die Bayern?

Schmidt: Für mich ist das nicht das Allerwichtigste. Andere, um nicht zu sagen praktisch alle Mannschaften verlieren gegen die Bayern. Es wäre vermessen, einen Sieg zu erwarten. Wir müssen mutig auftreten und dann sehen, inwiefern uns die Grenzen aufgezeigt werden. Vielleicht gelingt, es, dass wir uns zumindest phasenweise durchsetzen. Das wäre gut für unseren Lernprozess. (Christian Hackl, DER STANDARD, 17.1.2014)

Roger Schmidt (46) ist seit Juni 2012 Cheftrainer von Red Bull Salzburg (Vertrag bis 2016). Zuvor coachte der Deutsche den Zweitligisten Paderborn.

  • Trainer Roger Schmidt applaudiert nicht sich, sondern seiner Mannschaft. Am Samstag (16 Uhr) lässt sich Red Bull Salzburg von Bayern München prüfen. Es geht um Erkenntnisse.
    foto: reuters/dominic ebenbichler

    Trainer Roger Schmidt applaudiert nicht sich, sondern seiner Mannschaft. Am Samstag (16 Uhr) lässt sich Red Bull Salzburg von Bayern München prüfen. Es geht um Erkenntnisse.

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