Prozess: Kein Mordversuch mit Kühlcontainer

16. Jänner 2014, 16:40
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Ein 24-Jähriger soll bei einem Raubüberfall zwei Supermarktangestellte in einen Kühlcontainer gesperrt haben, wo sie fast erstickt wären. Für den Staatsanwalt ein klarer Mordversuch - für die Geschworenen nicht.

Wien - Mit einem Ruck zieht Staatsanwalt Bernd Ziska die Tür des Kühlcontainers auf. "Ich habe mich gestern da drinnen einsperren lassen. Es ist stockfinster und ein unbeschreibliches Gefühl", schildert der Ankläger den Geschworenen im Prozess gegen Milos M., der wegen Mordversuchs im Straflandesgericht Wien sitzt. "Und wofür das Ganze? Für einen praktisch misslungenen Raubüberfall, bei dem 7500 Euro erbeutet worden sind."

Der 24-jährige Angeklagte soll einer von zwei Tätern gewesen sein, die am 26. März 2013 in den frühen Morgenstunden eine Supermarktfiliale überfallen haben. Ihr Ziel: Der Safe mit der Wochenlosung. Die beiden anwesenden Angestellten wurden mit einer Pistole bedroht und, nachdem der Versuch gescheitert war, den inneren Safe mit dem großen Geld zu knacken, gemeinsam in einen nicht einmal ein Meter breiten Kühlcontainer gesperrt. Die Opfer litten Todesangst, noch heute sind sie schwer traumatisiert.

"So eine grausame Tat ist zu bestrafen", konzediert auch Verteidigerin Irene Pfeifer in ihrem Schlussplädoyer. "Nur: Der Angeklagte war es nicht", versucht sie das Gericht unter Vorsitz von Georg Olschak zu überzeugen. Und wählt eine überraschende Variante, um für ihren leugnenden Mandanten das Beste herauszuholen. "Wir haben hier sehr viele Zufälle", sagt sie nämlich. Nur: Darauf hinzuweisen ist mutig - denn Zufälle könnte man in diesem Fall auch unter Anführungszeichen setzen, um Ironie auszudrücken.

Besuch bei der Tante

Die Version von Pfeifer und M. lautet nämlich so: Der Angeklagte habe von seinem Handy aus ein Taxi gerufen und sich um 5.34 Uhr zum Zeitpunkt des Überfalls in die Nähe des Tatorts chauffieren lassen. Um dort in der nahen Wohnung seiner verreisten Tante nach dem rechten zu sehen und die Post zu holen. Anschließend habe er noch Brot gekauft und sei dann mit einem Taxi wieder nach Hause gefahren. Warum das geraubte Handy eines Opfers im Umkreis seiner Wohnung zum letzten Mal eingeloggt war, kann M. nicht erklären. Dass er noch am Abend mit dem Bus Richtung Serbien aufbrach, schon: Das sei keine Flucht gewesen, sondern eine schon länger geplante Reise aus familiären Gründen.

Dass seine DNA im Lager entdeckt wurde und auch ein Knopf mit seinem Genmaterial dort lag erklärt er damit, dass er seine Ex-Kollegen besucht habe. Schließlich war er bis August 2012 in der überfallenen Filiale beschäftigt.

Ein schlendernder Polizist versetzt dieser Darstellung allerdings einen ziemlichen Dämpfer. Der Ermittlungsleiter ist extra den von M. beschriebenen Weg abgegangen. "Es waren 540 Meter. Ich und ein Kollege sind sehr, sehr langsam gegangen - ein Schnitt von 2,6 Kilometern pro Stunde", erzählt der Beamte als Zeuge. Das Resultat des Selbsttestes: Er dauerte 12,5 Minuten. Obwohl der Angeklagte selbst zugibt, dass zwischen den beiden Taxifahrten eine knappe Stunde lag.

Zettel als starkes Indiz

In seiner Schlussrede weißt Staatsanwalt Ziska auch noch auf ein weiteres belastendes Indiz hin. Einer der Täter schrieb auf einen Zettel den türkischen Begriff für "keine Angst" steckte ihn dem weiblichen Opfer zu. Ein grafologischer Gutachter kam zum Schluss, dass es "mit hoher Wahrscheinlichkeit" der Angeklagte war, der das Wort geschrieben hat.

Olschak schickt die Geschworenen schließlich mit drei Fragen in die Beratung. Erstens: Hat M. einen schweren Raub begangen? Zweitens: Hat er einen Mord versucht? Und falls nicht: Hat er eine Freiheitsentziehung mit besonderen Qualen und Schäden für seine Opfer verübt? In seinem Schlusswort appelliert der unbescholtene junge Mann nochmals an die Geschworenen: "Ich habe noch nie jemanden verletzt. Kein Geld auf dieser Welt würde es rechtfertigen, jemanden in dem Container einzusperren. Aber Sie werden ja wahrscheinlich richtig entscheiden", hofft er auf einen Freispruch.

Den er nicht bekommt. Die Verurteilung wegen schweren Raubes wird einstimmig gefällt. Allerdings: Den Vorwurf des versuchten Mordes bejahen nur drei Laienrichter, die Freiheitsentziehung dagegen alle acht. Die von Olschak verkündete Strafe bei einem Rahmen zwischen fünf und fünfzehn Jahren: zehn Jahre unbedingte Haft. M. dreht sich fassungslos Richtung Publikum, seine Mutter beginnt zu schluchzen. Er erbittet sich Bedenkzeit, der Staatsanwalt meldet Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung ein, da er mit der vom Richtersenat ermöglichten Frage der Freiheitserziehung nicht einverstanden ist. (Michael Möseneder, derStandard.at, 16.01.2014)

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