"Lichter": Irreführung an der Oder

15. Juli 2004, 10:22
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Hans-Christian Schmids "Lichter" erzählt von kleinen Fluchten und großen Hoffnungen an der deutsch-polnischen Grenze

Hans-Christian Schmids jüngster Spielfilm "Lichter" erzählt in episodischen Short Cuts von kleinen Fluchten und großen Hoffnungen an der deutsch-polnischen Grenze.


Wien - Es beginnt mit einer, wie sich bald herausstellen soll, gemeingefährlichen Irreführung: Eine Gruppe osteuropäischer Flüchtlinge wird von Schleppern mit dem Verweis entlassen, entfernte Lichter signalisierten das ersehnte Ziel im Westen, Berlin. Tatsächlich landen sie im kleinen polnischen Grenzort Slubice an der Oder, und dort ist, gleichsam mit Blick auf Frankfurt, der Überlebenskampf denn auch noch lang nicht zu Ende.

Dieses Grundmuster - ein verlockendes Signal oder Ziel, auf das man teilweise nur noch in mehr oder weniger drastischen Formen von (Selbst-)Betrug zusteuern kann - es ist eigentlich auf alle Episoden von Hans-Christian Schmids jüngstem Spielfilm Lichter anwendbar. Egal, ob es sich (im Westen) um einen Matratzenverkäufer (Devid Striesow) handelt, der offenbar einzig und allein deswegen Pleite geht, weil sein Lieferant anderswo günstigere Vertriebskonditionen ausgehandelt hat. Oder ob (im Osten) ein polnischer Taxifahrer (Zbigniew Zamachowski) für ein Erstkommunionskleid seiner Tochter sein Seelenheil beziehungsweise das Leben anderer aufs Spiel setzt.

Diesseits und jenseits des Stroms, der ruhig dahinzufließen scheint, aber tückische Wirbel entwickelt, erliegen Schmids Helden den Erwartungen an sich, an andere und an das, was heute Deutschland, Leben, ein humaneres Miteinander von Ost und West ausmachen könnte. Ein junger, idealistischer Architekt (August Diehl) wird fassungslos Zeuge, wie sich seine einstige Geliebte prostituieren muss. Eine Dolmetscherin (Maria Simon) projiziert in einen Flüchtling die Warnung an sich selbst, nie genug für die anderen "da drüben" getan zu haben . . .

Kurz: Lichter ist auch einer jener mittlerweile sehr beliebten Reigen episodischer Short Cuts, in denen langsam eins zum anderen findet, bis fast jeder mit jedem zu tun hat. Gott Zufall legt Patiencen, dazu fährt die Handkamera nervös von einem fliehenden Körper, einem hektisch verzerrten Gesicht zum nächsten, als wäre es möglich, in zwei Stunden Erzählzeit die ganze Komplexität und Kompliziertheit der Risikogesellschaft zu erfassen.

Perspektivwechsel

Im bisherigen Schaffen von Hans Christian Schmid, dem das deutsche Kino mit Nach fünf im Urwald, 23 und Crazy drei seiner schönsten Arbeiten der letzten Jahre verdankt - in diesem bisher schmalen, angenehm beiläufigen Werk mag Lichter einen wichtigen Sprung zu breiterer sozialkritischer, wenn man so will: politischer Perspektive darstellen. Allein: Nicht jeder Film, der kleinen Leuten beim Sich-Abhampeln zusieht, ist unbedingt "politisch". Vielmehr verzettelt sich Lichter mitunter in Momenten, die bestenfalls Seifenoper sind. Oder verliert, wie etwa in der Episode mit dem Matratzenhändler, die Möglichkeit aus den Augen, eine kleine Tragödie in allen Facetten und Unwägbarkeiten zu entfalten.

Da gerät dann selbst eine Geschichte jugendlicher Schmuggler ungewohnt schematisch für einen Regisseur, der gerade im Milieu von Teenagern einige der interessantesten Charaktere porträtiert (und dabei etwa Franka Potente entdeckt) hat. Irgendwann wird jede "überraschende" Volte doch sehr berechenbar. Und dann stehen wir mit einem jungen Polen tatsächlich am Potsdamer Platz und fotografieren staunend, aber mit einem guten Gespür für schöne Bilder, die Lichter des neuen, kalten Berlin.

Bei der letzten Berlinale im Februar war Lichter neben Wolfgang Beckers Good Bye Lenin quasi der zweite große Entwurf für die (industrielle) These, es könnte möglich sein, über die großen Irritationen in Deutschland heute auch "großes" Kino zu machen. Dem sei nur bedingt widersprochen: Manchmal tun es halt die "kleinen" Filme auch, beziehungsweise kompromissloser.

Aber Devid Striesow in seinem Matratzenlager: Den muss man gesehen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2003)

Von
Claus Philipp

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lichter-der-film.de

Verleih Polyfilm

Ab 15.8. im Kino
  • Nervös von einem fliehenden Körper zum nächsten: Zbigniew Zamachowski als polnischer Taxifahrer in Hans-Christian Schmids episodischem Drama "Lichter".
    foto: polyfilm

    Nervös von einem fliehenden Körper zum nächsten: Zbigniew Zamachowski als polnischer Taxifahrer in Hans-Christian Schmids episodischem Drama "Lichter".

  • Artikelbild
    foto: polyfilm
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