Der alte Mann und der Vogel

14. August 2003, 11:57
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Viel Applaus im Kleinen Festspielhaus für Hans Werner Henzes musikalisch raffinierte Oper "L'Upupa"

Uraufführung von Hans Werner Henzes Oper "L'Upupa" bei den Salzburger Festspielen im Kleinen Festspielhaus: Viel Applaus für ein musikalisch raffiniertes Werk, dessen Textlastigkeit allerdings für szenische Momente der Langatmigkeit sorgte.


Salzburg - Es war einmal ein junger Tonsetzer, der in einem nicht allzu fernen Jahrhundert nach Salzburg pilgerte, um eine musiktheatralische Kunde zu vernehmen, die ein erfahrener Kollege unter dem Titel Die Bassariden bühnengerecht verbreiten wollte. Groß war die Begeisterung des Jungen angesichts des Gehörten; so groß, dass er dem Schaffen des Kollegen fortan in respektvoller Sympathie verbunden blieb.

Und obwohl ihm seine Vielseitigkeit auch andere Berufswege beschreiten ließ, blieb es dabei. Er wurde irgendwann Chef des vom älteren Kollegen gegründeten Festivals namens Münchner Biennale, das heute noch seinen beruflichen Zweitwohnsitz darstellt. Und als er auch noch in Salzburg das Festivalruder übernahm, führte ihn einer seiner ersten Wege zu dem Kollegen, um diesem ein neues Werk für Salzburg abzuringen.

Das war gar nicht schwer. Längst arbeitete der alte Herr an einer Geschichte, die von einem alten Mann erzählt, der seine drei Söhne ausschickt, um einen entflohenen Wiedehopf zu suchen, der des Alten ganzes Sehnsuchtsglück war. Nicht nur die Musik schrieb er schließlich. Auch der ganze Text, auf einem arabischen Märchen basierend, entsprang seiner Feder; und er gab dem Ganzen schließlich den Titel L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe.

Das ist der Moment, in dem man aus der schönen Märchenwelt heraussteigen sollte - mit der Ansicht, dass auch den Text selbst zu verfassen vielleicht nicht der weiseste aller Entschlüsse war. Schwer zu sagen, wo der Knackpunkt war - vielleicht schon beim ersten Es-war-einmal-Moment, also am Beginn. Der alte Mann, da oben auf dem Regenbogen in seinem verwaisten Vogelhäuschen sitzend, erzählt und erzählt und erzählt. Allerdings ist in dieser Phase noch viel Munterkeit und Frische zugegen. Die beiden Söhne, die wenig taugen, Gharib (solide Anton Scharinger) und Adschi (witzig Axel Köhler), spielen Karten, um sie herum ein keckes Stück Musik - perkussiv und voller reizvoller Richtungswechsel.

Weiter geht's. Der dritte Sohn, tugendhaft, ist bereit, einen riskanten Weg zu gehen: Al Kasim (profund Matthias Goerne) macht sich auf die Vogelsuche, trifft seinen hilfreichen Dämon (wunderbar John Mark Ainsley), einen schwarz gewandeten, gerupften Engel, dem Hans Werner Henze viel lyrische Klangmelancholie zugedacht hat. So weit, so durchaus elegant.

Die Zauberwelt

Wie das Märchen allerdings seinen Lauf nimmt, so nimmt auch das Wort beschwerend von dem Stück Besitz. Statt zu handeln, erzählen die Figuren, was sie tun werden, was sie getan haben. Und immer wieder "Es war einmal . . .", immer wieder erzählt man uns diese Geschichte vom alten Mann und dem Vogel.

Etwas redundant: Im üppigen Sprechgesang ertrinkt das Stück, rezitativisch geknebelt kommt es trotz slapstickartiger Momente zum Stillstand. Und es flattern die Gesangslinien eher unscheinbar und steril durch die Märchengegend. Eine zwischendurch etwas unendliche Geschichte.

Regisseur Dieter Dorn hat nicht subjektiv zugelangt, eher einen soliden Weg gefunden, die so weise wie naive Geschichte vom Finden durch Loslassen (der Vogel kommt zurück, darf aber wieder davonflattern) zu erzählen. Ein Teil der Langatmigkeit geht denn auch auf sein Konto, nur gediegen-konventionell lässt er die Reisenden ihre Abenteuer überstehen.

Immerhin, die Bildnisse sind bezaubernd schön: Eine wunderbare Zauberwelt zwischen Biene Maja und Zauberflöte (Bühnenbild und Kostüme: Jürgen Rose) mit allerlei skurrilen Wesen sorgt für eine Atmosphäre, die mit Henzes Musik momentweise auf das Delikateste verschmilzt.

Der routinierte Orchestervirtuose aus dem Geist der sehr klassischen Moderne hat die Sache durchkomponiert, bringt viel Adagio-Flair ein. Nachtstückhaft entfalten sich manche Stimmungen - von den Wiener Philharmonikern unter Markus Stenz (für Christian Thielemann eingesprungen) glutvoll und delikat umgesetzt. Eine kleine Klangfarbenmusik.

Henze hat allerdings auch rhythmisch prägnantes, anspruchsvolles Material ersonnen, das den Wienern sicher den einen oder anderen Muskelkater des Ungewohnten bereitet hat. Gut so. Dass Henze vom Band allerlei Vogelgezwitscher wie -geflatter, summende Bienenschwärme, Pferdegetrampel und auch sonst viel Lärm abspielen lässt: diesen quasi überkonkreten Zugang verschmerzt man erst am Schluss.

Schließlich wacht auch das Szenische wieder auf, wird das Märchen wieder lebendig. Al Kasim lässt seine Liebste Badi'at el-Hosn (glänzend Laura Aikin) mit dem alten Vater (Alfred Muff) allein. Er ist wieder unterwegs, nun auf dem Weg zum Dämon, dem er einen Apfel zu bringen versprochen hat.

Am Ende war es also ein neuer Anfang. Man wird Zeuge eines raffinierten orchestralen Nachspiels, während der Schwiegervater in spe und die Braut vor bläulichem Himmel zu Skulpturen mutieren und man denkt: Wenn alles so klingen würde, sollte der Salzburg-Chef wieder zum nun 77-jährige Kollegen pilgern und ihn um eine Fortsetzung bitten. Besser jedoch, der bedrohte Olga-Neuwirth-Operntraum wird noch wahr.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2003)

Von
Ljubisa Tosic

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    Alfred Muff als "Der Alte Mann"

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