Bushs "Ost-Obsession"

20. August 2003, 16:49
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Rachefeldzug gegen die unbotmäßigen Altverbündeten in Westeuropa, die beim Irakkrieg nicht mitgemacht haben - Von Markus Bernath

"Eastern Obsession" nennen Beobachter in Washington bereits das Schulterklopfen und freundliche Drängeln zu Militärleistungen verschiedenster Natur, das die Regierung von US-Präsident George W. Bush für Staatsgäste aus Ost- und Südosteuropa bereithält. Die "Politik der neuen Freunde" im Osten scheint schon so zwanghaft, weil sie keine wirklich rationale Grundlage hat: Weder gibt es eine finanzielle Ersparnis, wenn das Pentagon seine in Deutschland verbliebenen Truppen komplett in neu zu bauende Garnisonen an die Schwarzmeerküste nach Rumänien und Bulgarien verlegt; noch ist der Zeitgewinn von vielleicht zwei Stunden für den Einsatz der großen US-Militärmaschinerie in Krisenregionen in Nahost oder Südasien sonderlich beeindruckend. Warum belässt die US-Armee sonst ihre 12.000 Soldaten in Großbritannien?

Dass die "Ost-Obsession" des amerikanischen Verteidigungsministeriums ein Rachefeldzug gegen die unbotmäßigen Altverbündeten in Westeuropa ist, die beim Irakkrieg nicht mitgemacht haben, liegt auf der Hand. Dass Washington aus diesem Grund auch plötzlich wieder Bosnien-Herzegowina auf der Karte gefunden hat, ist genauso wenig überraschend.

Statt militärische Verpflichtungen einzusparen und das Kommando der Stabilitätstruppe Sfor wie von Brüssel vorgeschlagen 2004 an die Europäische Union abzugeben, vereitelt Washington ein Prestigeprojekt der EU-Verteidigungspolitik und zeigt dafür weiter Flagge im Zentrum des Balkans. Es kostet auch nicht sehr viel: Die USA stellen nur noch 2000 Soldaten - ein Sechstel der Sfor-Truppe. Für die EU ist das eine Niederlage, allerdings weniger eine interne als eine im transatlantischen Kräftemessen. Der Vorstoß zur Kommandoübernahme kam schließlich von Frankreich und Großbritannien gemeinsam. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2003)

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